Was passiert, wenn ein König die Zeit vergisst?
Die Lösung dieses Problems erzählten und besangen die zweiten Klassen der Primarschule Oberuzwil in der MZA Breite eindrücklich. Ihre drei Lehrerinnen sowie die Schulleiterin Corinne Hörler hatten damit ein längerfristiges Projekt an die Hand genommen. Das Resultat durfte sich sehen und vor allem auch hören lassen. 50 motivierte, quirlige Buben und Mädchen in farbigen Kleidern boten eine energiegeladene Geschichte, die sich auch vor Profis nicht verstecken lassen musste. Den Anlass besuchten auch Schulpräsident Roland Walter und Gemeindepräsident Andreas Eisenring sowie verschiedene Begleitpersonen der Waldausgänge.
Warum ein Musical?
Irgendwann war den Lehrerinnen die Idee dazu gekommen. Doch was eignet sich für Kinder der zweiten Klasse? Sorgfältig studierten die Lehrpersonen verschiedene Musicalsa. Schliesslich blieben sie bei der Geschichte «De König, wo d’Zyt vergesse het» hängen. Der Adonia-Verlag stellt dazu Übungsunterlagen kostenpflichtig zur Verfügung. Die Lehrerinnen passten die vorgegebene Dialektfassung auf die Fürstenländer Version an. Schulleiterin Corinne Hörler hielt mit ihrem rassigen Keyboardspiel, ihren aufgehaltenen Szenen- und Liednamen auf grossen Blättern und ihrem Körpereinsatz bei Liederbeginn das Ganze zusammen.
Hinter der Bühne waren die beiden Zivis Elias Eberhart und Levy Seelhofer für die Kulissenschieberei, für die Handlung auf der Bühne die drei Klassenlehrerinnen Chantal Stillhart, Bea Weber und Chiara Voigt zuständig. Die Technik –Urs Castelberg für die Mikrofone, die Hauswarte Mirco Geuggi und Rico Lichtensteiger für das Licht in der Halle – funktionierte einwandfrei und trug zu dieser tollen Aufführung ihren Teil bei. All diese Hilfen im Hintergrund verdankte Corinne Hörler am Schluss der Aufführung. Ohne sie wäre alles nur halb so gut herausgekommen.

Der Einsatz hat sich gelohnt, was sich in den Gesichtern von Chiara Voigt, Eva Weber, Chantal Stillhart und Schulleiterin Corinne Hörler widerspiegelt.
Lerneffekte eines solchen Projekts
Kinder sind schnell zu begeistern, wenn man ihnen etwas Neues schmackhaft machen kann. Da spielt es keine Rolle, dass man lesen, Texte auswendig lernen oder Lieder einstudieren muss. Und meist kommt man in solchen Stücken auch in mathematische Sphären. Seit den Weihnachtsferien war jeder Freitagmorgen während zwei Stunden dafür eingeplant. In den einzelnen Klassen wurden die Lieder eingeübt und die Requisiten und Kulissen kreiert. Für letzteres boten sich Fächer wie Werken sowie Zeichnen geradezu an. Alles wurde sorgfältig eingeübt.
Auch wenn der Zeiteinsatz für so ein Projekt nicht unerheblich ist, so lohnt sich doch jede Probenstunde. Ziemlich unbemerkt bekommen die Kinder mit so einem Werk auch Orientierung. Hier wurde der Ablauf des Jahres gefestigt, wurden doch die Monatsnamen gleich vier Mal lautstark der Reihe nach besungen. Was machte es da aus, dass halt einmal der eine oder andere Monat erst etwas verspätet hochgehoben wurde, wenn mal wieder alle Monatsnamen sichtbar gemacht werden mussten? Das macht ja gerade den Reiz von Kinderaufführungen aus, dass nicht ganz und gar alles reibungslos abläuft.
Aber auch das Sprechen mit Mikrofon – und dann noch vor so vielen Leuten, denn alle drei Aufführungen waren sehr gut besucht – will gelernt sein. Alle Mitwirkenden machten das ausgezeichnet, es war fast kein Stolperer zu hören, alles war mustergültig eingeübt. Manche Rolle war drei Mal besetzt. Man verstand jedes Wort der Erzählenden, die in einer Ecke auf einer Art Thrönchen sassen. Wer genau hinhörte, bekam bei einzelnen Kindern einen speziellen Akzent in der Aussprache mit.
Und noch eine Lehre konnten die Kinder aus dieser Geschichte ziehen: Wenn beim ersten Mal etwas nicht gelingt – Einlass ins Schloss – so gibt es weitere Chancen und meist auch Fingerzeige, die weiterhelfen. Ein solches Projekt ist, wie das ganze Schulangebot, schliesslich auch ein Integrationsmittel. Im Publikum sah man denn auch Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen, die voll Stolz dem Spiel ihres Nachwuchses zuschauten. Alle wohnen in Oberuzwil, haben aber manchmal eine Art Schwellenangst, an öffentliche Anlässe zu gehen. Darum sind solche Schulanlässe – wie beispielsweise auch die «Schüeli» – Gold wert für den Zusammenhang der dörflichen Gemeinschaft.
Zur Geschichte
Da hatte ein König vier Kinder. Leider wurde er plötzlich krank. Er vergass aufzustehen, wollte mitten im Winter im Schlossweiher baden oder Äpfel pflücken. Die Kinder spürten, dass etwas nicht stimmen könne. Ein eilig herbeigerufener Arzt fand heraus, dass der König die Zeit vergessen habe. Erst schenkten ihm seine Minister alles, was zur Orientierung im Zeitraum hilfreich ist, so auch einen Kalender. Als der König die Monatsnamen «Januar, Februar, März» hörte, fragte er: «Sind das deine Kinder, die so heissen?» Irgendwann kam der König glücklicherweise auf die Idee, seine Kinder in die Welt zu schicken und die Zeit zu suchen. Sie beschlossen, in alle Himmelsrichtungen auszuschwärmen.



Die älteste Prinzessin suchte den Norden auf. Brrr, wie war das kalt! Zittern vor Kälte kam es beim Schloss der Winterkönigin an. Ohne Rätselraten aber kein Eintritt ins Schloss! Zweimal misslang die Antwort, dann war ihm klar: Die Parole hiess «Schneeflöckli.» Die Wintermonate gaben dem Königskind winterliche Geschenke – Eiszapfen, Schneeflocke, Eiskristall – für den Vater mit. Im Osten wohnte der Frühlingskönig. Hier passierte genau das Gleiche. Diesmal musste der Prinz die richtige Parole «Hase» herausfinden. Aus Mitleid mit dem kranken König schenkten die Frühlingsmonaten Gaben – Frühlingsblumen, einen Schmetterling und Honig – , die gesund machen sollten.
Beim mürrischen Sommerkönig war «Wind» das richtige Wort für den Einlass der Prinzessin, des dritten Königskindes. Da ging auch gleich ein Gewitter los – als Gewitter-Rap vom Kinderchor mit viel Schmiss gesungen und von Corinne Hörler am Keyboard zünftig unterstützt. Der Juni durfte Sonnenstrahlen, der Juli Blitz und der August Donner zum kranken König bringen. In Richtung Westen schliesslich wohnte der liebenswürdige Herbstkönig. Auch hier mussten erst drei Aufgaben gelöst werden, bis das Zauberwort «Brot» den Einlass ermöglichte. Auch die Herbstmonate September, Oktober und November machten sich mit dem jüngsten Königskind und vielen Herbstfrüchten ins heimatliche Schloss zum kranken König auf.
Zuhause lag der König schon fast im Sterben. Doch als er die vielen Geschenke der lieben Saison-Könige bewunderte, die feinen Früchte probierte, da konnte er sich plötzlich wieder erinnern. Und hielt sofort eine kleine Rede zur Wichtigkeit der verschiedenen Jahreszeiten. Er bedankte sich herzlich bei seinen Königskindern und den Monatskindern und konnte von da an wieder problemlos und weise regieren.
Passende Lieder
Lieder mit ganz unterschiedlichen Stimmungen und Rhythmen unterbrachen die Szenen auf der Bühne immer wieder. Das «Monets-Lied» wurde gleich viermal gesungen. Deshalb kennen nun alle Oberuzwiler Zweitklässer bestimmt alle Monatsnamen und deren genaue Reihenfolge. Gesungen wurde in der Halle, gespielt aber auf der Bühne. Das brachte immer wieder Bewegung in die Geschichte. Blitzschnell sausten die kleinen Schauspielstars denn auch jeweils aus der Halle hinauf zur Bühne oder flitzten zurück an ihren genau definierten Standplatz im Chor. Mehr als einmal musste ein Sturz dabei befürchtet werden, wenn gar zu schnell heruntergestürmt wurde. Dabei verlief alles äusserst gesittet. Die Kinder blieben bis zuletzt konzentriert in ihren Rollen.



Verteilung der Rollen
Jedes Kind durfte im Vorgang zum Projekt bekanntgeben, ob es gerne eine grosse, mittlere oder doch lieber eine kleinere Rolle übernehmen wolle. Das braucht bereits ein gewisses Mass an persönlicher Einschätzung und Entscheidungsfähigkeit. Die einzelnen Rollen zugeteilt haben danach die Lehrerinnen. Dank den Kleidern aus dem Fundus der Sternsinger, die Monika Scherler zur Verfügung stellen konnte, gaben die Kostüme kaum Arbeit. Viele Kinder verkleiden sich ja fürs Leben gern. Mit einfachen Mitteln war auf der nicht gerade kleinen Bühne eine Art Königsschloss eingerichtet worden. Hier spielte sich der Grossteil der Geschichte ab.
Applaus, Applaus

Zwei Mädchen machten mit Geige und Flöte den Auftakt. Eines davon hatte zu Beginn der Aufführung das Publikum gebeten, erst ganz am Schluss zu klatschen, um den Fluss der Geschichte nicht zu unterbrechen.
Und ganz nebenbei wurde auch geraten, das Handy auszuschalten. Erstaunlicherweise hat das gewirkt, denn – wenigstens in der Dienstagnachmittags-Aufführung – hörte man nie einen einzigen Klingelton. Es gab denn auch eine Zugabe. Corinne Hörler liess noch einmal die roten und gelben Herbstblätter dank dem Keyboard und den singenden Kindern zünftig fliegen, lautstark vom begeisterten Publikum mit Klatschen unterstützt. Der Applaus am Schluss war ohrenbetäubend.
Es kann gut sein, dass die Mädchen und Buben aus diesen zweiten Klassen noch ihren Enkelkindern von diesem unvergesslichen Erlebnis berichten werden.





