Irischer Wind liess die Sommerhitze vergessen

Irischer Wind liess die Sommerhitze vergessen

Eigentlich hätte dieser Liederabend namens DE IRISCHI WIND mit der vielseitigen Künstlerin Annette Démarais und dem virtuosen Multi-Instrumentalisten Georg della Pietra bereits am 2. April 2020 stattfinden sollen. Doch da war die ganze Schweiz im Banne des Lockdowns gefangen, ein kultureller Auftritt deshalb unmöglich. Doch nun klappte es. Der Abend geriet zu einer liebevollen Hommage an den im September 2015 verstorbenen Apotheker, Liedermacher und Irlandfan Dieter Wiesmann. Nicht umsonst nennt sich das Musikerduo DUO HOMMAGE, wenn es um Wiesmann-Lieder geht. Die feinen, oft hintersinnigen Lieder Wiesmanns sollen nicht in Vergessenheit geraten. Duo Hommage

Viel Vorarbeit

Das Organisationsteam der Donnerstags-Gesellschaft unter Federführung des “Anlassgöttis” Ueli Gubler und tatkräftiger Unterstützung durch Hauswart Roland Frischknecht hatte an diesem heissen Donnerstag-Abend gleich an mehreren Fronten gegen Widrigkeiten zu kämpfen, meisterte diese aber souverän. So mussten die Vorgaben des Bundesamtes für Gesundheit – BAG – im Auge behalten werden, was die Anzahl Sitzplätze verständlicherweise einschränkte. Andrerseits war es an diesem Abend ganz besonders heiss, vermutlich unter den Bühnenlampen noch einige Grade mehr. Doch all dies hielt viele Fans von Dieter Wiesmanns poetischen, teils auch kindlich verspielten Liedern nicht ab, sich in den Singsaal der Oberuzwiler Oberstufe aufzumachen, um sich an vergangene Zeiten zu erinnern und in Nostalgie zu schwelgen. Als besonders sympathische Geste bekam jeder Gast zu Beginn ein willkommenes Fläschchen Mineralwasser. Donnerstags-Gesellschaft Oberuzwil

Lieder mit Tiefgang

Georg Della Pietra scheint fast jedes Lied von Dieter Wiesmann verinnerlicht zu haben. Und das sind nicht wenige! Das ist allerdings auch kein Wunder, hat der Musiker den Liedermacher doch während 15 Jahren auf dessen Tourneen durch die Schweiz instrumental begleitet. Aus mehr als 100 solchen Kleinoden hat das Duo – den grössten Teil allerdings von Georg Della Pietra ausgelesen, wie dieser verschmitzt zugab – nun ein ganz besonders Programm zusammengestellt. Die Texte zeugen von einer aussergewöhnlich genauen Beobachtungsgabe seines Schöpfers. In seine Apotheke in Neuhausen kamen schliesslich auch die verschiedensten Persönlichkeiten mit ihren Sorgen und Nöten, die sich bestimmt nicht immer nur um kleine Wunden und Einschränkungen drehten, sondern oft um die tiefer liegenden Wunden der Seele. Und in seiner zweiten „Heimat“ Irland gehört Musik seit jeher zu den Grundbedürfnissen, wird in den Pubs gesungen und dazu Brüderschaft getrunken.

Irische Brise

Dieter Wiesmann hatte seit vielen Jahren ein Feriendomizil im Südwesten Irlands, ganz in der Nähe eines Friedhofs. Die irische Mentalität entsprach dem Schaffhauser, welcher selber gerne mit Freunden zu einem Glas Wein zusammensass und über Gott und die Welt philosophierte. Georg Della Pietra plauderte zwischen den einzelnen Liedern auch ein wenig aus dem Nähkästchen. Wiesmann habe wohl auch deshalb so gut nach Irland gepasst, weil er genau wie die Leute auf dieser ganz besonderen Insel einerseits gerne recht ausschweifende Geschichten erzählt habe, andrerseits aber doch ganz knappe, klare Texte schreiben und vertonen konnte.

Instrumentale Einsprengsel

Zwischendurch gab es kleine instrumentale Inseln. Da strich etwa Annette Démarais ganz sachte über die Saiten ihrer Violine. Dazu griff Della Pietra in die Mandolinensaiten und liess dabei den Takt hörbar werden. Das Geigenspiel wurde akzentuierter und schneller, die Mandoline jubelnder, der irische Wind spürbar. Auch das Akkordeon kam zum Einsatz, um beispielsweise einen Traum zu beschreiben, eine herzige, liebevolle Offenlegung einer völlig erotikfreien Schlafzimmerszene. Da schaut ein Mensch einem anderen geliebten Menschen beim Schlafen zu und sinniert dabei über sein Verhältnis zu schlafenden Person.

Alltagsszenen mit Blick hinter das Offensichtliche

Viele der Lieder von Dieter Wiesmann handeln von Alltagsszenen, oft mit einem spitzbübischen Blick auf menschliche Eigenheiten. „Das wär jetzt nid nötig gsi!“ Wie oft haben Kinder früherer Generationen diesen Spruch lernen müssen. Es galt als besonders höflich, Geschenke nicht allzu gierig in Empfang zu nehmen. Dass diese Aussage ganz verschiedene Färbungen haben kann, verflocht Wiesmann in einem Lied mit genau diesem Titel, mit leicht anzüglichem Ausgang… Aber auch Gefühle wie Einsamkeit oder das Verdrängen kleiner Läden durch die grossen Warenhäuser inspirierten den Barden zu einem Lied. Tod und Vergehen gehörten ebenso zu seinem Themenkreis wie unzählige Liebeslieder. Della Pietra meinte gar, es seien bestimmt zwei Drittel aller Wiesmann-Lieder diesem Genre zuzuordnen.

Und immer wieder die Vergänglichkeit

Wiesmanns Ferienhaus in Irland lag in nächster Nähe zu einem Friedhof, dem Graveyard Myross. Der Friedhof mit den kreuz und quer stehenden Grabsteinen inspirierte geradezu zu einem Lied. Wer diesem Song genau zuhörte, bekam eine liebevolle Szenerie vors innere Auge gestellt. Zum Schmunzeln kam man beim Geniessen der Musik auch sonst immer mal wieder. Unnachahmlich die Geschichte von einem Mann mit Greisenbrand, welcher sein wegoperiertes Bein in einer Kiste mit sich schleppte, weil er nicht nur mit einem Bein ins Himmelreich wolle. Und wie der Pfarrer darauf eine Beerdigung nach eigenem Gusto für dieses Bein gestaltete und die Trauernden mit dem Allheilmittel Whiskey über den Verlust hinwegtröstete. Leise klang auch die in einem Lied nur kurz und verhalten geäusserte Angst an, möglicherweise irgendwann selber vergessen zu werden. Das Duo Hommage hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau dies nicht geschehen zu lassen.

Eingespieltes Team

Noten sah man keine auf den Ständern, einzig eine kleine Tonanlage, die aber nur dazu diente, der Sängerin stimmlich nicht allzu viel abverlangen zu müssen. Denn weil das Programm coronabedingt ohne Pause – und auch ohne Apéro – über die Bühne gehen musste, sang sich Annette Démarais fast pausenlos durch das vielfältige Repertoire, was in der grossen Hitze, noch verstärkt durch die Scheinwerfer über der kleinen Bühne, sicher viel Energie und Konzentration kostete. Georg Della Pietra nahm je nach Stimmung eines Liedes entweder die Mandoline, die Gitarre oder auch das Akkordeon zu Hand. Es war ein Genuss, seinem variationsreichen Spiel zuzuhören, aber auch, den flinken Händen beim Zupfen zuzusehen. Die Sängerin ihrerseits spielte meistens auf der Gitarre, abgestimmt auf die Begleitung ihres Partners. Zwischendrin kam jedoch auch die Geige zum Einsatz. Hie und da musste temperaturbedingt auch mal ein Instrument nachgestimmt werden.

Zugaben

Im offiziellen Liederprogramm waren lauter eher unbekannte Wiesmann-Lieder dargeboten worden, doch das begeisterte Publikum wollte nicht nach Hause, bevor nicht doch noch der eine oder andere Hit des Schaffhauser Liedermachers erklungen. Und so lauschten alle andächtig, als Annette Démarais auf der Geige die ersten Klänge der heimlichen Schaffhauserhymne BLOSS E CHLINI STADT anspielte, leichtfüssig begleitet von Georg Della Pietra. Aus dem Publikum erklang verhalten der Text dazu, besonders beim Refrain, wenn die lebenslustigen ITALIENER an der Reihe waren. Bloss e chlini Stadt – Dieter Wiesmann

Mit dem Tausendfüssler Balthasar wurden danach alle „Kinder“ im Publikum verwöhnt, welches auch hier stimmlich unterstützte.

Bei der allerletzten Strophe passierte ein kleines Missgeschick – anstatt dass der Kuss zum witzigen „ ersten Reissverschluss“ führte, sang sich Annette Démarais in ein „Durenand“… und begann ohne Umschweife noch einmal mit der Pointe… Ob sich das nicht als Gag in ein neues Programm einbauen liesse? Oder war das am Ende gar ein Regie-Einfall? Wie dem auch sei, das Publikum bedankte sich mit herzlichem Applaus und verliess nach einem wahrhaft zauberhaften Abend den Saal vergnügt. De Tuusigfüessler Balthasar

Vielleicht wurde zuhause später die eine oder andere Scheibe einer Wiesmann-Produktion wieder einmal hervorgeholt, als eine Art persönliche Hommage an einen liebenswerten, leider bereits verstorbenen Zeitgenossen, der nebst tiefgründigen Themen gerne auch mal den einen oder andern Unsinn besang – und natürlich immer wieder die LIEBE…

Wer den Abend mit dem Kammerorchester St.Gallen und dem Waldtroll Annette Démarais verpasst hat, kann hier den Artikel darüber nachlesen. Endlich wieder etwas fürs Gemüt