Chorreise nach Ungarn vom 1. – 7. Oktober 1999

 Männerchor Bichwil-Riggenschwil

Reiseroute

  • Freitag, 1. Oktober: Bichwil-Wien-Hegyeshalom-Györ-Komàrom-Tàt, Hotel Öreghalàsz
  • Samstag, 2. Oktober: Tàt-Budapest- Miskolc-Tokaj-Màtészalka-Cenger, Hotel Schuster und Hotel Pension
  • Sonntag, 3. Oktober: Ausflug nach und Gottesdienst in Tisztaberek, Rückkehr ins Hotel vom Samstag
  • Montag, 4. Oktober: Hortobagy-Tisztafüred-Eger, Hotel Panorama
  • Dienstag, 5. Oktober: Budapest, Weiterfahrt nach Tàt ins gleiche Hotel wie am Freitag
  • Mittwoch, 6. Oktober: Donauknie: Szentendre-Visegràd-Esztergom-So­pron, wunderbares Hotel Pannonia
  • Donnerstag, 7. Oktober: Rückkehr nach Bichwil

Gesang verbindet Völker und Herzen – weit über alle Landesgrenzen hinaus

Wie kommt es, dass ein klei­ner Chor wie der Männer­chor Bichwil-Riggenschwil mit sei­nen gut zwanzig Mit­gliedern in den äussersten Osten Un­garns einge­laden wird? Hier sei das Ge­heim­nis gelüftet: Im Jahr vor der Reise – 1998 also – fand am ersten Oktober­sonntag in Bichwil ein ökume­nischer Erntedank­got­tes­dienst statt. Unter den Gäs­ten befand sich auch ein un­garischer Pfarrherr, ein guter Be­kann­ter des Oberuz­wiler Pfarrers Daniel Habeg­ger. In dieser Feier war der Männer­chor Bich­wil-Rig­gen­­schwil für den musika­li­schen Teil be­sorgt. Dieser sang sich in das Herz des unga­ri­schen Pfar­rers, Joszef Sücs. Im fer­nen Un­garn keimte die Idee, den Chor in das klei­ne, 600-See­len zählende Dorf im Grenzland zur Ukrai­ne ein­zuladen, bauten sie dort doch gerade un­ter gros­ser Mit­hilfe der nicht eben rei­chen Bevöl­kerung ein neues Kirch­gemeindehaus.

So traf denn über Pfarrer Ha­beg­ger Mitte Januar des lau­­fen­den Jahres eine Einladung aus Tisztaberek ein. Voll Freu­de überbrachte die Dirigentin die­se den über­raschten Män­nern. Die Idee nahm Gestalt an, und schon bald konnte die Zusage des Chors nach Un­garn über­mittelt werden. Dank guten Be­ziehungen eini­ger Män­nerchör­ler zu einem unga­risch-schwei­zerischen Dop­pelbürger aus Oberuzwil entstand ein interes­san­tes, kul­turell angereichertes Rei­sepro­gramm. Nach Ablauf der An­mel­defrist standen fast 50 Na­men auf der Na­mensliste, weil auch Ehe­frau­en und Freun­­de des Chors eingeladen worden waren.

Am 1. Oktober 1999, mor­gens um viertel vor 5 Uhr – es war noch so dunkel, dass man die eintreffenden Rei­senden nur an der Stimme erkennen konn­te – begann die Reise in Bich­wil. Otto Büchi hatte mit dem PC ein sehr schönes Reisepro­gramm und eine vollstän­dige Teilnehmerliste ge­stal­tet. So konnten sich alle je­derzeit über vorgesehene Ortschaften und Essens­zei­ten informieren. Als Chauffeur hatte sich ein­mal mehr der Sän­ger Ruedi Hug be­reit erklärt. Er wurde abge­löst von Christian Ram­sauer, Reise­unternehmer aus Heri­sau, wel­cher mit einem sei­ner top­mo­der­nen Cars ange­rückt war.

Anfänglich waren nur ver­ein­zelte Gespräche zu hören. Doch schon bald kam Stim­mung auf. Es sollte eine lange Reise wer­den, denn die un­garischen Grenz­­be­amten schie­nen keine grosse Lust zu ha­ben, die Schweizer abzu­fe­r­tigen. So konnte be­obachtet werden, dass etwa ein ver­steck­tes Nötli im zu­geklapp­ten Pass den Ein­tritt in ihr Land erheblich be­schleunigte. Schliesslich half aber auch Coca-Cola. Mit aller­grim­mig­ster Miene kontrol­lierte ein junger Be­amter die Ausweis­papiere, man spürte, dass ihn die Arbeit anwiderte . Nach ei­ner Stunde Wartezeit konnte die Fahrt endlich weiter­ge­führt wer­den. Recht ver­spätet traf der Bus in Tàt (Nähe Bu­da­pest) ein. Ein schon recht nervöser Otto Panczel mit seiner Frau An­ne­lies erwar­tete die müden Rei­sen­den. Die riesi­gen Por­tionen (die als halbe Por­tio­nen galten!) auf den flugs auf­getragenen Plat­ten ver­schlu­gen einigen trotz gros­sem Hunger fast den Appe­tit.

Am zweiten Tag stand die ­ Gegend Tokaj auf dem Pro­gramm. Riesige Weinberge, meist topfeben oder dann sach­te ansteigend, dazwi­schen riesengrosse Feldflä­chen, manch­­­mal noch nicht abge­erntet, zogen vor den Fenstern vorbei. Je weiter die Reise nach Osten ging, desto schö­ner wur­de das Wetter. Um nicht mit leeren Händen an die Einwei­hungsfeier kom­men zu müssen, veranstaltete Ernst Preisig, Prä­sident der rei­sen­den Sän­ger, eine Kol­lekte im Car. Alle waren gross­zügig ge­stimmt, es kamen 1100.- Franken zusammen.

Am Zielort Tisztaberek (ge­spro­chen: Tistabäräk) gab es keine Möglichkeit, eine fast fünf­zig­fache Gesell­schaft un­ter­­zu­brin­gen. Die Reise­lei­tung hatte deshalb in Cen­ger, gut 20 km vom Festort entfernt, Unter­kunft gesucht. Leider bot das neue, schmu­cke Hotel Schuster nicht Platz für alle, so dass ein Teil der Ge­sellschaft in einer schäbigen Absteige un­ter­kom­men musste.

Nach dem feinen Nachtessen holten Hans und Otto ihre Hand­­­orgeln hervor, und es begann ein tolles Ge­sangs­fest. Immer neue Lieder wur­den an­gestimmt, und plötzlich tauch­ten auch die Gäste des weniger fei­nen Hauses auf und sangen mit. Im Hotel erhielt die Diri­gen­tin einen Anruf von Pfar­rer Habegger, der mit seiner Frau an den Einweihungs­feier­lichkeiten teilnehmen sollte. Er teilte ihr mit, dass der feierliche Gottes­dienst vom Fernsehen über­tragen werde. Diese Nach­richt löste bei manchem Männer­chörler nur ein mitlei­diges Lächeln aus. Man wollte es einfach nicht glauben!

Am Montag begann nun eine kulturelle Bildungsreise, von Otto und Annelies Panczel mit grosser Sorgfalt aus­gesucht, die viele Facetten des ge­schichts­­trächtigen Landes zeig­te. Mittags war­teten in einer küh­len Csàr­da eine vier­köpfige Zi­geuner­kapelle und ein ungar­isches National­ge­richt auf hung­rige Mäu­ler. Da­nach gab es mit Plan­wagen einen Ausflug in die Puszta, über Stock und Stein, durch Pfüt­zen, vorbei an sich wohlig suhlenden Woll­schweinen und Kühen mit spitzen Hör­nern, welche wie gedrechselte Dolche aus­sa­hen.

Heiss brannte die Sonne, ein Sonnenhut tat not. Ein Reiter führte weit draussen auf dem Feld die Ungarische Post vor (linkes Bein auf lin­kem Pferd, rechtes Bein auf rechtem Pferd, stehend und im Ga­lopp). Einige Män­nerchörler – und natürlich Heidi, die pferdeversessene junge Frau von Stefan – stie­gen nun ebenfalls auf ei­nen Pferderücken und drehten – mit oder ohne pro­fessio­nelle Hilfe – eine oder zwei Run­den um die Aus­flügler. Lei­der gab es keine weidenden Pferdeherden zu sehen. In den grosszügigen Pferde­stallungen am En­de der Reise in die schier un­end­liche Weite kamen die Pfer­de­freun­de indes doch noch auf ihre Rech­nung. Das Ge­stüt zählt so um 300 Pferde, eine beein­dru­ckende Zahl.

Budapest ist eine wun­der­schö­ne Stadt, durch die Do­nau in die Teile Buda und Pest ge­teilt. Eine Reise dort­hin lohnt sich auf jeden Fall. Otto hatte einen ihm bekann­ten Stadt­führer angeheuert, wel­cher auf char­man­te Art auf einer mehr­stün­digen Fahrt durch die Stadt die wech­selvolle Geschichte der Stadt und des Staa­tes Un­garn in seine Ausführungen einbe­zog. Es war eine lehr­reiche Reise. In den städti­schen Markt­hallen wäre dem Chor noch beinahe ein Sänger ab­handengekom­men. Werner war in derart guter Festlaune, noch dazu mit seinem „Brot­korb“ (was das sein soll, wird im Bericht über den Sonntag zu lesen sein!) auf dem Kopf, und er sang aus Leibes­kräf­ten, durch einen Zwischen­gang zum ver­einbarten Sam­mel­punkt mar­schierend. Plötz­lich zupfte ihn ein strammer junger, dazu uni­for­mierter Mann (Polizei!) nicht eben sanft am Ärmel. Solches Tun ist in die­sen Hallen eben nicht erlaubt. Der Mann könnte ja am hellen Morgen schon betrunken sein!

Am Mittwoch, in Szentendre, konn­ten nun endlich die ein­getauschten Forints nach Her­zenslust ausgegeben wer­den, sei es für allgegen­wärtige, meist kunstvoll be­stickte Tischtücher oder na­türlich für Schnaps oder Wein. Die verwin­kelten Gäss­chen verhinderten al­ler­dings die sonst immer so pünkt­liche Weiterfahrt, weil hier alle Stras­sen wirk­lich bei­nahe gleich aus­sa­hen.

Das nächste Ziel war Eszter­gom mit seiner riesigen Ka­the­drale. Die Kuppel ist innen fast hun­dert Meter hoch. Man kommt sich hier ganz klein und winzig vor. Da sind so­wohl die Bich­wiler als auch die Oberuz­wiler Kirchen doch viel hei­meliger. Auf dem Boden unter der Kup­pel liegt ein riesiges Mosaik aus Mar­mor, eindrucksvoll und ehr­furchtgebietend. Anschlies­send an den Kirchen­raum fol­gen Räumlichkeiten, wel­che alte Kirchenfürsten­ge­wänder zeigen. Da finden sich wahre Schätze der Hand­arbeitskunst sowohl im textilen  wie auch im me­tallver­arbei­tenden Bereich.

Nach dem Mittagessen war­te­te ein hartnäckiger, nach Schnaps rie­chender Bett­ler auf barm­herzige Spender. Er folg­te jeder neu ankom­menden Person bis zum Car. Werner legte ihm sei­ne Por­tion Konfi­türe vom Mor­gen­essen in die dar­ge­streck­te Hand. Dann stieg er ein. Wenig später kam Wer­ners Sohn Heinz aus dem Ho­tel. Auch ihm träppelte der be­dauerns­werte Mann entge­gen. Heinz dachte: „Aha, der Mann verkauft Kon­fitüre!“, nahm das Por­tiönchen aus des­sen Hand und legte da­für ein Geld­stück hinein. Schliess­lich landete auch die Konfitüre wieder beim Bett­ler. Erst ge­spannt beobach­tend, dann in lautes Geläch­ter ausbre­chend, hatten die be­reits im Bus sit­zenden Rei­sen­den dem Schau­spiel zugesehen. Diese Episo­de gab Stoff für man­­che Spöt­te­lei auf der Wei­terreise. Wer­ner hatte zudem seinen Som­merhut (aus Tiszta­be­rek) im Hotel Eszter­gom vergessen und weinte ihm manche Träne nach. Er wuss­te zu der Zeit noch nicht, dass Ma­rianne die­sen heimlich mit­ge­nom­men hatte. Irgendwann später erhielt er sein An­denken er­freut zurück. Er werde jetzt mit die­sem „Brotkörbchen“ jeweils den Rasen mähen und dabei an die schöne Rei­se denken, liess er verlauten.

Für den letzten Abend in Un­garn hatte Otto ein No­belhotel in Sopron gebucht. Man traute sich kaum, laut zu reden, so vor­nehm waren die langen Tisch­reihen – U-förmig ange­ordnet – gedeckt. Die Kron­leuchter glit­zer­ten. Die Zim­mer waren eigentliche Säle. Auch Es­sen und Nahrungs­menge ent­sprach dem hohen Stan­dard. Es war ein wunder­voller Abschluss einer interes­santen, das Gemüt er­freuen­den Reise.

Am Donnerstag, 7. Oktober, erfolgte die Rückreise über Wien – München ohne Ver­kehrs­probleme. Auch die Zoll­abfertigungen verur­sach­ten diesmal keine roten Köpfe. Voll neuer Eindrücke wurde Bichwil erreicht. Al­le waren sich einig, eine einma­lige Wo­che erlebt zu haben. We­sent­lichen Anteil daran hatten natürlich die Rei­seplaner, al­len voran Otto und Annelies Panczel, dann die Vorberei­tungs­gruppe aus dem Män­ner­chor und natürlich die beiden ausge­zeichneten Chauf­feure Chris­tian und Ruedi.

2. Teil des Berichtes der Ungarnreise des Männerchors Bichwil-Riggenschwil

Sogar das Fernsehen war dabei…

Sonntagmorgen, Auf­bruch nach Tisztaberek! Mit weis­sen Hem­den, dunklen Ho­sen und blau­en Samtbän­deln um den Hals sa­hen die Män­ner wirk­lich fernseh­taug­lich aus. Die Stras­sen wurden nun im Grenz­­gebiet Rumänien -Ukra­ine – Ungarn immer enger. Zum Glück ver­stan­den beide Chauf­feure ihr Hand­werk, so dass niemand grosse Angst ha­ben musste. – Plötzlich wink­ten am Stras­senrand erfreute und auf­geregte Män­ner und Frauen. Tisz­ta­be­rek! Es war bereits som­mer­lich heiss. Nach dem Aus­stei­gen wurde sofort in der noch kühlen Kir­che einge­sungen. Das et­was ange­jahr­te Har­monium wimmerte erst kläg­lich und wollte keinen ein­deutigen Ton abge­ben.

Nach dieser Sängerpflicht durf­te im Hof der Pfarr­lie­gen­schaft Tokajer und ungari­sches Ge­bäck in rauen Men­gen gekostet werden. Erst gerade vom Morgenessen gekommen, bereitete das vor allem den Frauen erhebliche Mü­he, wenn auch alles wun­der­schön ge­deckt war und aus­gesprochen anmächelig prä­sentiert wurde. Hinter dem Pfarr­haus, in einer Art Schopf, bereiteten fleissige Frauen das Mittagessen vor. In riesigen Kesseln und Schüs­seln schwam­­men Hühnerteile in Ge­müse­schwa­den, Fettaugen blick­­­ten die neugierigen Frau­en und Män­ner aus der Schweiz an. Junge Frau­en mit guten Deutsch­kennt­nis­sen – für diesen Anlass eigens aus der Stadt in ihr Hei­matdorf gereist – mit kur­zen Röcklein, hohen Pla­teauschuhen und ganz gekonnt ge­schminkt, ver­wöhn­ten die Gäste. Die Männer liessen sich ganz besonders gern von den hübschen Damen bedie­nen und überboten sich mit Kom­pli­men­ten und heim­lichen Blicken. Die mitge­reisten Frau­en amü­sier­ten sich darüber und moch­ten es ihren Män­nern gönnen, sich wieder einmal so richtig als Hel­den zu fühlen.

Um halb zwölf begann der eigentliche Festakt in der Kir­che. Und tat­säch­lich! Da stand ein Kame­ra­mann des Lo­kal­sen­ders Szamos und filmte den Einzug der Got­tes­dienst­besu­cherinnen und –be­sucher. In der Kirche, einem recht­eckigen Bau mit klarem Zen­trum, ste­hen auf drei Sei­ten Bän­ke, in schmale Reihen auf­geteilt. Diese bieten je­weils Platz für vier bis fünf Per­so­nen. Im Zen­trum steht ein Har­­mo­nium. Hier predigten Va­ter und Sohn Sücs, unter­stützt von Pfarrer Daniel Ha­begger aus Oberuz­wil. Frau Sücs se­nior sass  neben einer an­de­ren Frau, deren Rang nicht so einfach zu erken­nen war, auf separatem Stuhl, von den Bankreihen des „ge­wöhn­lichen“ Vol­kes deutlich abge­trennt. Auch Hanni Habegger wur­de hierhin kompli­men­tiert.

Die Männerchörler nah­men in separaten, quer­gestellten Bän­ken, aber dennoch in­mitten des gan­zen Kir­chen­vol­kes Platz, Aug in Auge mit den Pfar­rern. Da konnte man sich keinen Pre­digt­schlaf leisten. (Es ist zwar dennoch pas­siert, zum Glück sass Stefan in der hintersten Reihe und fiel auch nicht mit Schnar­chen auf!) Die unga­ri­schen Männer und Frau­en und die zahlreichen Kinder schauten zwar et­was verdutzt, dass der Chor von einer Frau Diri­gentin geleitet werde. Ihre Gesell­schaft ist eben noch recht pat­ria­rchal ge­prägt. Vater Sücs hatte schon in die Schweiz ge­schrieben, dass er seinen Leuten unbedingt das schö­ne Weihnachtslied „O du fröh­liche, o du selige Weih­nachts­zeit“ vorstellen wolle. Es brauch­te etwas diploma­tisches Geschick der Diri­gentin, die Sän­ger – besonders in der Sommer­hitze die­ses Festtages – dar­auf ein­zu­­stimmen. Die mit­gereisten Frauen wur­den eben­falls er­mun­tert, dem Tiszta­bereker Pfarrer diese Freude zu bereiten. Was er auf unga­risch dazu erklärt hat, haben leider die wenigsten Gäste ver­­stan­den. Die Un­garen haben in ihrer Landes­sprache kaum ein Wort, wel­ches sich in eine der üblichen euro­pä­ischen Sprachen wie­der­findet. Dass es aber für Herrn Sücs etwas ganz Beson­de­res war, haben be­stimmt alle gemerkt.

Schon auf der Hinreise hat­te Otto Panczel er­klärt, dass die Ungaren immer bei Adam und Eva begännen, sobald sie etwas erzählten. Nun erleb­ten die Schwei­zer diese Eigenart ganz persönlich. Pfarrer Habegger hielt die Pre­digt, der junge Pfarrer Sücs über­setzte, und je­der Satz, kurz und bündig auf Deutsch, erfuhr in der un­ga­r­ischen Sprache eine wun­dersame Verlän­ge­rung. Die Predigt, auf un­gefähr zehn Mi­nu­ten ver­an­schlagt, dauerte des­halb un­gefähr vierzig Mi­nu­ten.

Die Kinder sassen wäh­rend des ganzen Gottes­dienstes gesittet und äusserst auf­merk­sam in ihren Bänken und hin­gen an den Lippen der Pfarr­herren. Ein junger Orga­nist ent­lockte dem lau­nischen Harmonium er­bau­liche Töne. Dann sang er mit den Kin­dern. Jedes begann auf einer eigenen Tonhöhe, sang aber aus­wendig und mit gros­ser Hingabe. Die Mäd­chen tru­gen ihre schöns­ten Sonntags­kleider. Ein Kind war mit unzähligen farbi­gen Haars­pängeli ge­schmückt. Es beein­druckte, wie die ganze Ge­mein­de dem Gesche­hen im Zen­trum der Kir­che folgte. Der Mann vom Fernsehen zeich­nete den ganzen Got­tes­dienst in einer ruhigen, un­auf­dring­lichen Art auf, man merkte ihm an, dass er mit der Fei­er mitging. Für die Schwei­zer Gäste hatten zwei Kinder über­dies je ein deut­sches Ge­dicht auswendig gelernt. Ge­konnt, laut und deut­lich spra­chen sie es vor, vom auf­merk­samen Kame­raführer auf lie­be­volle Weise eingefangen Ja, gegen Ende der Feier­lich­kei­ten trugen gar alle Kin­der und Ju­gend­lichen ein Kir­chen­lied in Schweizer Dialekt vor. Das gefiel natür­­lich den weit­­ge­reisten Festbesu­chern!

Der Gottesdienst dauerte für Schweizer Verhält­nisse lan­ge, fast zwei Stunden. Die Gäste ver­mochten aber bis zum Schluss gut zu fol­gen, weil im­mer wieder für Abwechs­lung gesorgt war. Der Män­ner­chor sang fünf Lieder. Die Akustik in die­ser Kirche ist ausge­zeich­net, jeder Ton klar hörbar, so dass präzise und va­rianten­reich ge­sun­gen wer­den kann. Die gros­se Hitze liess aber mit der Zeit die Kon­zentration etwas ab­flauen. Dies zeigte sich im Lied vom „Licht­schöp­fer“, bei wel­chem die erste wie auch die zweite Stro­phe sicher und ausge­wogen er­tönten, in der drit­ten aber plötzlich ein ande­rer An­fangston erklang, we­lcher bei einzelnen Sän­gern und na­tür­lich auch bei der Di­rigentin zu stark erhöhtem Puls führte. Zum Glück fiel die nach­fol­gen­de Stimme in der rich­tigen Ton­lage ein. So konnte das Lied ohne weitere Zwi­schen­fälle zu Ende ge­sungen wer­den. Wer das Lied nicht kennt und kein her­ausragendes Mu­sikgehör besitzt, hat den klei­nen Zwischenfall zum Glück kaum bemerkt.

Mitten in der östlichen Kir­chenwand prangte die Män­nerchorfahne. Sie wurde, nach­­­dem Trudi sie gespreizt hat­te, in einer längeren Se­quenz gefilmt. Besonders ein­drücklich war der Ge­mein­­degesang. Die Ungaren, ganz be­son­ders deren Män­ner, san­gen aus voller Keh­le, so richtig inbrünstig, es rausch­te und brauste durch die Kirche, so sehr, dass das Har­mo­nium keine Chance mehr dage­gen hatte. Die Schweizer Gäste lausch­ten gebannt dem keh­ligen Gesang. Hier kannten alle die Lie­der auswendig, san­gen alle mit. Manch hiesigem Gottesdienst täte das wahrlich auch gut!

Dann trat Ernst Preisig, der Män­nerchorpräsident, ver­se­hen mit dem wohl­ge­füllten Cou­vert der Schwei­zer Be­su­cher­­schar, auf ein abge­mach­tes Zeichen zu den Pfarr­herren an den Altar und überreichte es. Sichtlich ge­rührt – fast ver­liess ihn die Stimme, und man sah ihn ei­ne heimliche Trä­ne ab­wischen – nahm Pfarrer Sücs Senior das Ge­schenk ent­gegen. Mit den Worten: „Mehr als nur ein Cou­vert!“ steckte er es in die Kittel­tasche. Auch Pfarrer Da­niel Habegger brachte einen Um­schlag mit mone­tä­rem In­halt aus der Oberuzwiler Kirch­gemeinde mit. Nun war es um den ungarischen Pfarrer ge­schehen. Vor lauter Rüh­rung versagte die Stimme, die Kir­chen­­besu­cher liessen sich von der feier­lichen Stimmung anste­cken, da und dort hörte man ein Schneuzen und sah Ta­schen­tücher auf­blitzen.

Kurz vor Schluss der aus­ge­dehnten Feier rief plötz­lich ein alter Herr den drei Geist­lichen etwas auf Ungarisch zu: „Wie tönt die schweize­rische Natio­nal­hymne? Wir wollen sie hö­ren.“ Es mutete sehr be­freiend an, dass diese Frage aus dem Kirchenvolk Raum erhielt und die Sänger so­fort zum Gesang veran­lasst wur­­den. Allerdings muss­ten die Männer­chörler ihre Hymne aus dem Büchlein ablesen. Die Dirigentin ver­sprach, dieses beinahe unver­zeihliche Versäumnis nach­zu­holen und das Lied in nächster Zeit konzertreif zu üben. Gebannt – und natür­lich ste­hend – hör­ten die Gast­­geber der für sie frem­den Melodie zu. Man spür­te förm­lich, dass sie aus der Art der Musik et­was über das Land der Gäste erfah­ren woll­ten. Mit Segnungs­worten für alle wurde der vielfältige, eindrückliche Gottesdienst beendet. Be­stimmt wird diese Feier allen Mitge­reisten noch lange in wert­voller Erin­ne­rung blei­ben.

Die lokale Fernsehstation Sza­mos sendete diesen Got­tes­dienst am darauf­folgenden Sonntag in sei­ner gan­zen Län­ge. Es sei eben für eine kleine Ge­meinde dieser Art eine ganz beson­dere Aus­zeich­nung und ein Ge­schenk, dass sich Men­schen aus dem Westen in ihre Gegend ver­irrten und zu­dem noch deren Einweihungsfeier mit­be­strit­ten. Die Kirchgemein­­de Ober­uzwil hatte schon vor­her ver­schie­dentlich Kollekten und Spenden für die Ge­mein­de Tisztaberek ge­sammelt und Herrn Sücs weiter­geleitet. Aus Tisztabe­rek wurde nun be­richtet, dass mit dem aus der Schweiz beigesteu­erten Geld die Heizung für den ganzen oberen Stock des neuen Kirch­gemeinde­hauses ein­gebaut werden könne. So durfte die­ses Geld Wär­me in dop­peltem Sin­ne schenken. Einer­seits wärmt es die Herzen und andrer­seits dient es der Behag­lichkeit in den Räumen.

Der Chor sang in Tisztaberek folgende Lieder:

  • Der Lichtschöpfer (Es lag in Nacht und Graus die Erde…)
  • Alles Leben strömt aus dir (Appenzeller Landsgemeindelied)
  • Die Legende von Babylon (By the River of Babylon)
  • Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre
  • Wie gross bist du (aus der Jodlermesse von Jost Marty)

3. Teil des Berichtes über die Ungarnreise des Männerchors Bichwil-Riggenschwil

Gastfreundschaft macht Freu(n)de

Der feierlichen Zeremonie in der Kirche folgte nun der sehr angenehme kuli­na­ri­sche Teil. Wunder­schön waren im neu­en, modernen Kirchgemein­de­haus die Tische ge­deckt wor­den. Auch draus­sen, an der pral­len Sonne, luden lange Ti­sche, fest­lich gedeckt, zum Essen ein. Beim Zu­gang zum privaten Hof­raum stand eine ganz in gelb gekleidete, dun­kel­häutige Bett­lerin und hielt unter­würfig ihre Hän­de auf. Die Köchin­nen er­klär­ten, die Frau müsse draus­sen war­ten, bis alle gegessen hät­ten. Da­nach dür­fe sie be­stimmt vom Überfluss für ihre Zigeuner­familie mit­nehmen. Wenn man sie aber in den Hof­raum ein­lasse, stünden augen­blick­lich zwan­zig an­dere aus ihrer Sip­pe da, da habe man schlech­te Erfahrungen ge­macht. Für die Rei­senden aus der Schweiz waren das eher unge­wohnte Ein­drücke.

Es gab eine feine Hühner­suppe, welche vom Präsi­denten fachmännisch geprüft worden war. Sie schmeck­te herr­lich! Die gefüllten Kabis­wickel, an­genehm pikant ge­würzt, trafen ebenfalls den all­ge­meinen Ge­schmack. Das National­gewürz „Paprika“ verlieh zudem eine schöne Farb­note. Dazu wurde sel­ber gekelterter Wein ge­trun­ken. Das wunderbare Kuchen­buffet war schon vorher be­staunt – und foto­gra­fiert! – worden. Schliesslich waren die Bäu­che vollgeschlagen. Manche Gast­geber spra­chen dem Wein der­art zu, dass einige junge Un­garinnen ihre Müt­ter holten, damit diese den Vater von weiterem Trinken abzuhalten ver­such­ten.

Nach Aufhebung der Ta­fel bekam die Frau „vor der Tür“ dann eine gute Por­tion vom Rest des feinen Essens. Das beru­higte das ungute Gefühl wieder et­was, hier mensch­lichem Leid in unbekanntem Aus­mass begegnet zu sein.

Dann schlugen die Pfarrer vor, einen einheimischen Bauern­betrieb zu besich­tigen. Ein Ver­­dau­ungs­märsch­chen tat gut, vor dem Verkehr brauch­te niemand Angst zu haben, so nahm fast die ganze Reise­de­le­gation an der Führung teil. Lautes Hunde­gebell ertön­te, bevor auch nur jemand sei­nen Fuss in den Gutsbetrieb ge­setzt hatte. Die Einhei­mi­schen kla­gen eben über stän­dige Dieb­stähle in ihren Stal­lun­gen, auf ih­ren Höfen und schre­cken diese ungebe­te­nen Gäste deshalb mit nicht be­son­ders freund­li­chen Hun­den ab.

Die Kühe waren fast alle ent­hornt. Ihre Euter streif­ten bei­nahe den Bo­den, alle konn­ten frei her­um­gehen, aller­dings nur im Stallgebiet. Hin­ter den Stal­lungen leben in ein­zelnen Rund­­­pferchen Kälb­chen – Iglu­haltung nennt sich das –, wel­che aus Angst vor Anste­ckung die ersten fünfzig Le­­bens­tage so vonein­ander abge­sondert, aber mit Blick­kontakt, gehal­ten werden. Der Bauer kannte seinen Betrieb, gab fachkun­di­ge Antworten auf zahlreiche Fra­­gen und war sichtlich stolz, dass sich Leute aus dem Wes­ten dafür zu inte­ressieren schie­nen.

Hinter den Ökonomie­ge­bäu­den lagerten Heu und Stroh in riesigen Ballen, da­hinter unter frei­em Him­mel rie­sige Berge Mais­silage. Mit einem kleinen Bagger wird das Futter zu den Kühen verschoben. Nur ein ganz kleiner Teil des Betriebs gehört dem Landwirt, eigent­lich nur der Boden, auf wel­chem die Ge­bäude stehen. Neun Zehn­tel seiner Weide­fläche besitzt immer noch der Staat, ein „Erbe“ aus langen Jahren kommuni­stischer Herr­schaft. Eigent­lich sollte der Bo­den seit län­gerer Zeit priva­ti­siert sein. Die Büro­kra­tie ver­hindert aber ein schnel­leres Tempo.

Auf der staubigen Strasse ging es wieder zurück zu Speis und Trank. Doch ir­gendwann waren alle der­art satt, dass kein Krü­mel­chen mehr Platz hatte. Viel zu schnell ging der unver­gess­liche Nach­mittag vor­bei. Am spä­teren Nachmit­tag sangen sich Gastgeber und Gäs­te ge­genseitig einige Lieder aus ihrem Re­pertoire vor, dann hiess es bereits wie­der Ab­schied nehmen. Die Pfarr­herren fuhren in einem aben­teuerlichen Trabi in eine nicht weit entfernte Stadt zu einem Interview in die Fernseh­station Szamos.

Bevor die Sänger samt ihrem Anhang den Car besteigen konnten, gab es einen Ab­schieds­kuss – Mara­thon (oder Ab­schieds­ -Kussma­ra­thon!).

Und nun zeigte sich, wel­cher Mann ein Glückspilz war und das hübscheste Mädchen am längsten an sich drücken durf­te. Das Andenken daran wird bestimmt noch eine rechte Weile anhalten. – Die Frauen dagegen erlebten zum Teil eine rechte Schnaps­taufe durch die trink­fes­ten Ungaren. Werner kauf­te einem fast zahn­losen Tisztabereker Mann sein Sommerhütchen  ab, wel­ches in der Folge nur noch „Brot­körbchen“ hiess (es stand im ersten Teil des Berichtes) und ermun­terte den „Ver­käufer“, mit dem Geld doch das erbarmungswürdige Gebiss zu sanieren. Der Car wurde mit trä­nen­rei­chem Win­ken bis ausserhalb des Dorfes be­gleitet. Bei allen Mitreisenden herrsch­te einhellig die Mei­nung, heute etwas ganz Aus­ser­ordentliches und Un­wie­derbringliches erlebt zu ha­ben, und das in jeder Hinsicht.

Abends waren alle so mü­de, dass kein grosses Be­dürfnis nach Unter­hal­tung bestand. Eine Reise­teil­neh­merin hatte leider diesen schönen Tag nicht mit­erleben dürfen. Eine hart­näckige Migräne liess nicht zu, dass sie mitrei­sen konnte. Zum Glück fühlte sie sich im Laufe der Woche von Tag zu Tag wie­der besser.

Später wartete sie mit dem Män­nerchor und seiner übrigen An­hängerschaft auf den Video  aus Un­garn, um im Nach­hin­ein doch auch noch dabei ge­wesen zu sein. Die Er­in­nerung an diesen unver­gess­lichen Tag und die ge­samte wunderbare Reise wird den Chor bestimmt noch lange begleiten.

In Verbundenheit mit dem Männerchor Bichwil-Riggen­schwil verfasst und über­reicht von Dirigentin Annelies Seelhofer-Brunner – Von Januar 1985 bis Dezember 2007 für den Verein tätig.