«Orientierung gesucht?»

«Orientierung gesucht?»

2. März 2026 Aus Von Annelies Seelhofer-Brunner

Diese Frage stand im Rock-My-Soul-Gottesdienst in der evangelischen Kirche Oberuzwil ganz im Zentrum. Schaut man die heutige Weltlage an, scheint das Thema topaktuell zu sein. Was lange als unumstösslicher Wert galt, ist in letzter Zeit doch arg ins Wanken gekommen. Mit seiner Predigt wollte Pfarrer René Schärer ein wenig Licht ins Dunkel bringen. Doch erst brachten die Tücken der Technik die Verantwortlichen noch ins Schwitzen. Die Leinwand streikte plötzlich, dabei waren doch die Gemeindelieder, aber auch die Sujets für die Predigt für die Übertragung per Beamer vorbereitet. Doch bald gab es Entwarnung, plötzlich klappte alles wieder. Doch man sah auch hier, wie zerbrechlich und nicht immer perfekt funktionierend selbst die modernste Technik ist.

Duo Fall

Diesmal bereicherten die beiden jungen Oberuzwiler Lukas Franck am E-Piano und Lino Vieitez, Gesang, mit ihren Darbietungen unter dem Namen «Duo Fall» die Feier. Sie machten mit ihren Liedern dem Motto-Namen «Rock-My-Soul» – «Bewege meine Seele» – alle Ehre. Und auch eher unüblich: Die Gemeinde applaudierte nach jedem Lied, was zwar in afroafrikanischen Feiern völlig normal ist, aber in Oberuzwil doch eher selten. Es passte aber wunderbar. Wer die beiden Musizierenden schon etwas länger kennt, konnte auch die Reifung von Linos Stimme mitverfolgen. Aus der schönen Knabenstimme vor der Pubertät ist unterdessen eine volle Baritonstimme herausgewachsen.

Emotionale Auswahl der dargebotenen Stücke

Aus dem mit vielen Preisen ausgezeichneten Film «A Star Is Born», von Lady Gaga – mit anderen Texterinnen – geschrieben und im Film gesungen, trug Lino Vieitez das Lied Always Remember Us This Way, eine Art sehnsüchtige Hymne, mit viel spürbarer Anteilnahme vor. Ganz besonders berührend sang er jedoch das Sinatra-Lied «I Did It My Way» – «Ich machte es auf meine eigene Weise», von Lukas Franck sehr sorgfältig und unterstützend auf dem E-Piano begleitet. Linos Stimme füllte hier wirklich den ganzen Kirchenraum, was zu intensivem Hühnerhauteffekt führte. So ist es auch im richtigen Leben. Der eigene Weg ist wichtig, nie gilt für alle das Gleiche. Das gilt ganz besonders für Jugendliche, die noch auf der Suche nach dem ganz eigenen Weg sind.

Duo Fall mit: Allways remember us this world…

Der anwesende Musiklehrer Alberto Näf freute sich über den Auftritt seiner beiden Schützlinge, welche er schon länger auf ihrem musikalischen Weg begleitet.

Organist Chistian Schneebeli war diesmal «nur» für die gemeinsam gesungenen Gemeindelieder im Einsatz, zusammen mit Pfarrer Schärer am Bass.

Auf Fels oder Sand bauen?

Der Seelsorger zeigte anhand passender Symbolbilder auf, was es braucht, damit Orientierung gelingt. Die Predigt beruhte auf einem Text aus dem Matthäus-Evangelium, Kap. 7, Verse 24 – 27. Hier wird eine Art Bauanleitung aufgezeigt. Ein kluger Mann baut sein Haus auf Fels, damit es nicht von allfälligen Wassermassen weggeschwemmt wird. Der Törichte aber baut auf Sand und büsst dafür, wenn ein Unwetter kommt. Seit der Mensch zwischen Gut und Böse unterscheiden kann, möchte man meinen, dies sei für alle bindend. Die «Goldene Regel» soll dabei Massstab sein, welche heisst: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst». Diese Regel nimmt den Menschen in Verantwortung. Das hat auch Auswirkungen auf die eigene Persönlichkeit. Dabei soll jedoch nicht nur eine To-Do-Liste abgearbeitet werden, sondern sich das Herz für persönliche Veränderungen öffnen.

Grundpfeiler des Glaubens

Ein wichtiger Grundpfeiler des Glaubens ist unter Christen jeder Ausrichtung das weltweit gebetete «Unser Vater» mit seinen drei Hauptpunkten: Bitte um das tägliche Brot, um Vergebung sowie um Erlösung. Gemeinschaft ist wichtig. Es heisst: «Das Reich Gottes ist mitten unter euch.» Der Mensch ist aufgerufen, ein lebendiges Vorbild, ja ein Licht für sein Umfeld zu sein. Dieser Weg ist aber für jeden Menschen anders, es gibt keine Allgemeinformel. Die Tragik dabei ist, dass jeder Glaube auch eine finstere Ausrichtung haben kann. Wie viele Verbrechen wurden schon im Namen der Religion ausgeführt, wie viele Kriege unter diesem Deckmantel angezettelt? An uns Menschen liegt es, das Gute, Helle der biblischen Botschaft in die Welt zu tragen, ohne dabei die Mitmenschen zu bedrängen. Wie heisst es doch bei Paulus im 13. Kapitel des Korintherbriefs: «Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am grössten unter ihnen ist die Liebe».

Fürbitten

In den Fürbitten – Bitten für alle auf der Welt, aber auch in unserem Umfeld und für uns selbst – wurde der vielen Opfer all der weltweiten Brandherde gedacht, begleitet von «We Shall Overcome», welches der unvergessliche Martin Luther King zum Hoffnungslied für seine schwarzen Mitbürgerinnen und Mitbürger erhoben hatte.

Pfarrer Schärer zündete für jede Bitte eine Kerze an, deren Licht die Welt erhellen solle.

Mitteilungen

Wie immer wurden gewisse Anlässe der nächsten Tage verkündet, dazu auch die Verwendung der erhobenen Kollekte. Das Blaue Kreuz – eine wichtige NOP, d.h. nicht profitorientierte – Stiftung, kümmert sich um alkoholabhängige Suchtkranke und deren Angehörige. Gesammelt wurde für die Zweigstelle der Kantone SG und AR. Auch dies gehört zum christlichen Grundverständnis, dass man für Menschen in Not etwas aus dem eigenen Portemonnaie spendet.

Schluss der Feier

Mit dem Dank an alle am Gottesdienst Beteiligten, dem Segenslied «Von allen Seiten umgibst du mich » und einem gesprochenen Segen schloss der Pfarrer die berührende Feier. Zum Schlusslied «Die With a Smile» – ebenfalls von Lady Gaga zusammen mit Bruno Mars – sang Corina Forrer im Duett mit Lino Vieitez mit. Beim Zuhören merkte man kaum etwas davon, dass ihre Stimme angeschlagen sei, wie René Schärer im Vorfeld berichtet hatte. Ihre Stimme brachte eine neue Klangfarbe in die Harmonien des Duos. Davon war die anwesende Gemeinde derart begeistert, klatschte und klatschte, dass das Duo noch eine Zugabe gewährte – ein absolutes Novum in einem Gottesdienst. Gerade darum ist es auch so wichtig, dass Alt und Jung gemeinsam auf dem Weg sind, denn die Unbeschwertheit der Jugend kommt mit den Jahren ja oft etwas abhanden. Jugend kann erstarrte Traditionen aufbrechen, neue gründen.

Kirchenkaffee

Nach dem Gottesdienst lud die Kirchgemeinde zum Kirchenkaffee ein, diesmal vom Ehepaar Walter und Rösli Strub aus dem Freiwilligenteam «Kirchenkaffee» liebevoll vorbereitet. Das gesellige Beisammensein nach der Feierstunde in der Kirche gehört unterdessen zum Standard der meisten Gottesdienste. Da werden Begegnungen möglich, die gerade von Alleinstehenden sehr geschätzt werden. Ohne Freiwillige, die in der Kirchgemeinde im Hintergrund mitwirken, wäre auch ein solches Angebot nicht möglich.