Auf sehr dünnem Eis

Auf sehr dünnem Eis

5. Juni 2026 Aus Von Annelies Seelhofer-Brunner

Immer wieder bietet das Uzwiler Bibliotheks-Team spannende Lesungen an. Diesmal besuchte der bekannte Thurgauer Schriftsteller Peter Stamm die Kulturstätte. Man merkte schon beim Eintreten in den Raum, dass hier kein Spektakel stattfinden werde. Da stand ein kleines einfaches Tischchen, ein kleines Lämpchen drauf, ein Stuhl davor. Nichts von grosser Technik, keine üppigen Blumen oder andere Schauobjekte. Und genau so schnörkellos las der Autor auch aus seinem neuesten Buch «Auf ganz dünnem Eis» vor. Das Buch wurde bereits am 11.11.2025 im Literaturclub von SRF 1 vorgestellt. Unter diesem Titel kann man sich schon selbst sehr viel vorstellen.

Zur Person Peter Stamm

Mit Schreiben begonnen hat Peter Stamm als Journalist. Er sah sich aber in jungen Jahren in verschiedenen Berufen um. Erst studierte er einige Semester Anglistik sowie Psychologie und Psychopathologie, arbeitete eine gewisse Zeit sogar in diesem Berufsfeld – bestimmt passende Fächer für einen Schriftsteller. «Agnes», sein erster Roman, erschien 1998, da war er 35 Jahre alt. Bereits ein Jahr danach wurde er für dieses Werk mit dem «Raurieser Literaturpreis» ausgezeichnet. Er gehört heute zu den am meisten mit Preisen bedachten Autoren der Schweiz. Im Laufe der Jahre hat er für seine Werke – Romane, Hörspiele, Erzählungen – unzählige Preise bekommen. Im Autorenlexikon können alle Ehrungen nachgelesen werden. Bei der Begrüssung erwähnte Bibliotheksleiterin  Jolanda Erismann, dass Stamms Bücher in rund 40 Sprachen übersetzt würden. Da war also ein Grosser der Literaturszene in Uzwil zu Gast. Mehrere seiner Bücher wurden sogar verfilmt.

Schweizer Literatur in China!

Peter Stamm ist in manchen Gegenden Chinas sehr beliebt. Der bekannte Literaturkritiker Martin Ebel durfte 2010 mit auf eine Lesereise nach China. An der Universität Ningbo stand gerade Peter Stamms Erstlings-Roman «Agnes» auf der Lektüreliste, übersetzt von Chen Wie, einem dortigen Professor. Viele aus der jungen chinesischen Germanistikstudentenschaft lesen Schweizer Literatur sogar in deutscher Sprache, denn seit Oktober 2010 gibt es in Shanghai eine Zweigstelle von Pro Helvetia, der Schweizer Kulturstiftung. In China werden jeweils zwischen 5’000 und 6’000 solcher Bücher pro Auflage gedruckt. Im Tages Anzeiger vom Juli 2010 beschrieb Martin Eibel diese hierzulande kaum bekannte Literaturbegeisterung junger chinesischer Menschen für Literatur in deutscher Sprache. Deutschland und auch die Schweiz haben für die chinesische Studentenschaft einen hoffnungsvollen Klang. Viele möchten gerne in diesen Ländern studieren oder gar arbeiten.

Skifahren im Ruhrpott?

In Uzwil entführte Peter Stamm das Publikum in seiner ersten Erzählung in eine Skihalle im Ruhrgebiet. Ruhig und konzentriert las er von einem Skilehrer, welcher durch nur angedeutete, unglückliche Zustände seinen Beruf im Bündnerland verloren und hier nun eine neue Stelle gefunden hatte. Nun lebt er in einer WG mit Monteuren, die aber immer wieder wechseln. Ein richtiges Heimatgefühl stellt sich da kaum ein. Man musste genau hinhören, dabei aber auch aufpassen, dass man nicht innerlich abschweifte, denn der Erzähler warf immer wieder einen Blick zurück. Blieb man da stecken, war Stamm bereits wieder an einem andern Ort. Auch eine Schauspielerin kam zu Wort, welche gerne endlich ein richtiges Engagement hätte, aber bis jetzt vor allem als Darstellerin von Simulationen in einem Spital ihr Auskommen findet. Endlich klappt das, nur kommt ihr jetzt ein Liebesintermezzo dazwischen. Sie bewegt sich auf dünnem Eis, denn sie beginnt eine Affäre mit Folgen. Was tun? Es fällt auf, dass vieles über technische Hilfsmittel – Smartphone – läuft statt über den direkten Kontakt. Man spürt die Einsamkeit mancher Figuren förmlich.

Geschichten, die man mehrmals lesen kann

Durch die konzentrierte, eher nüchterne Sprache braucht man beim Zuhören sehr viel Konzentration. Wer die Werke des Autors also besser kennenlernen möchte, tut gut daran, Stamms Bücher zu lesen. Und weil die Sprache dicht und tiefgründig ist, hilft da oft sogar mehrmaliges Lesen. Vieles dreht sich um die Liebe und deren Schwierigkeiten, aber auch um Einsamkeit und verzwickte Lebenssituationen. In der Uzwiler Bibliothek können Stamms Bücher ausgeliehen werden.

Fragestunde

Nach der durch kein einziges Geräuschlein – kein Husten, kein Telefonanruf, kein Stühlerücken – gestörten Lesestunde gab es Zeit für Fragen. Ob es Veröffentlichungen aus seiner frühen Zeit als Schriftsteller gebe, die er bereue? «Nein», meinte er, «da ich lange wenig Erfolg hatte.» Seit «Agnes» habe sich das aber geändert. Der Autor braucht etwa ein Jahr Zeit für das Werden eines Buches. Dabei hat er sich klare Vorgaben gemacht. Am Vormittag schreibt er möglichst zwei bis drei Seiten. Allerdings gibt er sich keine fixen Arbeitszeiten. Der Nachmittag ist für allerlei rund um seine Tätigkeit oder auch für Spaziergänge reserviert. Lesungen müssen organisiert, Kontakte mit Verlagen gepflegt oder auch andere Arbeiten ausgeführt werden. Schliesslich ist er sein eigenes kleines KMU. Da kommt ihm sehr zugute, dass er früher auch einmal als Buchhalter gearbeitet hat. Ideen hat er viele, sie fliegen ihm nur so zu. Erstaunlich deshalb, dass er sich nie an Träume erinnern könne, wie er verriet.

Einsames Schreiben im stillen Kämmerlein

Kaum jemand weiss jeweils, woran er gerade schreibt. Erst wenn alles fertig geschrieben und für gut befunden worden ist, lässt er seine «Buchkinder» frei. Offenbar hat ihn auch ein Besuch bei der Kfor im Kosovo sehr inspiriert. Seine klare Absicht ist es, aus der Ich-Perspektive der Figuren innere Bilder zu erzeugen. Dass ihm das gelingt, bezeugen die vielen Buchpreise, die er bereits gewonnen hat. Er betonte auch, dass er nicht aus speziell weiblicher oder männlicher Sicht schreibe, sondern immer aus einer menschlichen.

Beim Apéro war es möglich, auch ein paar persönliche Worte mit dem Schriftsteller zu wechseln. Dieses Angebot gehört bei Lesungen in der Uzwiler Bibliothek immer dazu.