Ich muss Ihnen schreiben…

Ich muss Ihnen schreiben…

26. Januar 2020 Aus Von Annelies Seelhofer-Brunner

… so beginnt der Roman um den pensionierten Museumsdirektor Thomas H. – der vor Kurzem seine Frau verloren hat und noch immer in der Trauer um sie gefangen ist – und seine spätere Partnerin Celine B. Der Mann war an einer Kunstvernissage und von den dort ausgestellten Bildern und Skulpturen tief berührt. So tief, dass er der ihm bis dahin unbekannten Künstlerin einfach unbedingt schreiben muss. Er will ihr per E-Mail mitteilen, was diese Begegnung mit ihren Werken in ihm ausgelöst hat, auch wenn er diese Form der Kontaktaufnahme persönlich fast etwas feige findet. Und so beginnt eine neue Zeitrechnung für die beiden.

Wobei die beiden realen Persönlichkeiten an der Lesung betonten, dies sei nicht ihre Geschichte, wenn sie auch gewisse autobiografische Bezüge nicht auszuschliessen vermöchten.

Lesung in der Flawiler Bibliothek

Das Buch „Ich muss Ihnen schreiben“ kam im Sommer 2019 im orte-Verlag orte verlag heraus. Die Autoren des Werks – Helga S. Giger aus Flawil und Peter Gross aus St.Gallen – stellten ihr Buch nun auch der Flawiler Öffentlichkeit vor. Die Lesung stiess auf grosses Interesse, es mussten sogar noch Stühle dazugestellt werden. Leider sind die akustischen Verhältnisse in vielen Bibliotheken nicht überragend, so auch in Flawil nicht. Vielleicht findet sich ja einmal ein Sponsor oder eine Sponsorin für eine gute Mikrofonanlage. Beim Apéro war nämlich zu vernehmen, dass „man“ hinten zwar die Lesung gut verstanden habe, nicht aber manche Ausführungen von Peter Gross. Das ist natürlich schade, denn der Mann erzählte viel über sein Leben und die jetzige Befindlichkeit.

Peter Gross

Dr. rer. pol. Peter Gross hat den gesellschaftlichen Diskurs mit seinen vielen Publikationen mitgeprägt. Vor allem sein Bestseller DIE MULTIOPTIONSGESELLSCHAFT gab zu vielen Diskussionen und Reflexionen Anstoss. Von 1979 – 1989 dozierte er an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg, danach kam er an die HSG, der er bis zu einer Eremitierung 2006 als Ordinarius treu blieb. Er hat sich viel mit dem Thema Alter befasst. In ein tiefes Loch gefallen ist der Wissenschafter, als seine Frau nach langer Ehezeit starb. Diesen herben Verlust hat er ebenfalls schreibend zu verarbeiten versucht. Auch gesundheitlich ging es ihm einige Zeit gar nicht gut. Nun hat er in Helga S. Giger aus Flawil in höherem Alter noch einmal jemanden kennengelernt, mit dem er seine Gedanken teilen kann.

Wer mehr über Peter Gross erfahren möchte, findet unter diesen Links weitergehende Informationen. Persönliche Homepage von Peter Gross FOCUS mit Peter Gross Interview zum Thema ALTER UND SEINE VORTEILE

Helga S. Giger

Helga S. Giger muss man in Flawil nicht vorstellen. Der Besuch im Nachtcafé im Restaurant Park war während 20 Jahren für viele ein Muss. Unzählige Gedankenanstösse konnten da gewonnen werden. Die Autorin ist zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in Frankfurt am Main auf die Welt gekommen, ging in Heidelberg zur Schule und studierte auch an der dortigen Universität Germanistik, später in Karlsruhe. Das Wort war ihr immer wichtig. Seit 1961 lebt sie in Flawil, hat drei Kinder grossgezogen und sich daneben früh kulturell eingebracht. Zwanzig Jahre Nachtcafé und danach mehrere Auftritte mit dem Cabaret Spätlese waren die sichtbaren Zeichen ihrer Arbeit. Bei beiden war Helga S. Giger eine der Impulsgeberinnen. Und nun also ein Buch…

Hier kann der Schlusspunkt im Nachtcafé 2013 nachgelesen werden. Abschied nach 20 Jahren Nachtcafé

Eine Art Zwiegespräch vor Publikum

Zur Einleitung berichtete Peter Gross, dass man ihm oft gesagt habe, selten würde ein „Deutscher“ einen derart lupenreinen Ostschweizer Dialekt sprechen. Dabei ist der Mann doch im Toggenburg geboren und in Flawil zur Schule gegangen, aufgewachsen in einer gut katholischen Familie, was ihn hörbar geprägt hat. Vergnügt erzählte er aber auch, wie er den Anblick eines Walfischs nie vergessen habe, der während seiner Schulzeit einmal beim Flawiler Bahnhof auf vier Güterwagen zu bestaunen gewesen sei, sicher 20 m lang. Oder wie er in der Kirche neben dem Organisten auf dem Orgelbänkli sitzen durfte und die schönen Klänge ihn verzauberten.

Etwas preisgegeben, aber doch nicht zu viel verraten…

Helga S. Giger trug einige klug ausgelesene E-Mails aus dem Briefroman vor, welche das Buch strukturieren, wurde dabei oft von Peter Gross unterbrochen, wenn ihm wieder eine passende Anekdote eingefallen war. So findet er, dass heutige junge Menschen – fast wie früher die Katholiken mit der Monstranz – mit ihrem Smartphone auf ähnliche Weise herumspazierten. Ältere Menschen sind voller Geschichten. Und die Literatur wäre ohne all die Menschen, die ihre Nöte und Defizite in Büchern niederschrieben, vermutlich ziemlich ärmer dran, man denke nur an Dostojewski oder auch Karl Ove Knausgård und viele andere schreibende Frauen und Männer.

Spannende erste Begegnung

Im Buch bekommt die erste reale Begegnung der beiden „Hauptdarsteller“ – andere Menschen kommen allerdings überhaupt nicht vor – ein ganz spezielles Gewicht. Vor allem Celine macht sich viele Gedanken. „Welches Kleid soll ich anziehen? Findet er mich wohl ansehnlich? Und was, wenn meine Stimme ihm nicht gefällt?“ Er hat sie schliesslich schon gesehen, sie dagegen hat noch keine Ahnung. Doch dann geht alles ganz unspektakulär vonstatten. Und schon bald sind die Zwei in einem regen Austausch über Gott und die Welt.

Gefühle altern nicht

„Ich liebe dich“ hat auch mit Achtzig noch immer seinen Reiz. Denn Gefühle sind an kein Alter gebunden, auch wenn die Hormone viel weniger verrücktspielen als in jungen Jahren. Peter Gross erinnerte sich dabei fast etwas verschämt an seine Unizeit, als man „unmässigen Stress“ gehabt habe, sicher auch im Hinblick auf das weibliche Geschlecht…Thomas schreibt ebenfalls von seiner Sehnsucht nach Nähe. Aber Céline bremst da ziemlich. Für sie braucht es Nähe UND Distanz. Sie hat ihr eigenes Leben und möchte nicht einfach alles über den Haufen werfen. Und da spürt man deutlich heraus, wie leicht ein solcher Anfang sein kann, wie schwierig dann aber die Gestaltung der Beziehung, wenn sie enger wird. Die Sehnsucht nacheinander kann jedoch dennoch eine Rolle spielen

Das Alter kann ein Segen sein

Peter Gross hat in mehreren seiner verschiedenen Bücher über den Segen der Langlebigkeit nachgedacht. So findet er, dass den Menschen durch die längere Lebensdauer viel an Erfahrung und Zeit fürs Nachdenken bleibe, was früheren Generationen verwehrt gewesen, vorausgesetzt natürlich, dass man möglichst gesund bleiben darf. Die Lebenszeit liegt mehrheitlich in der Vergangenheit, die Zukunft ist absehbar, das Denken geht eher nach innen. Es ist nun zwar mehr Zeit vorhanden, aber alles geht auch etwas gemächlicher. Weil man sich nicht mehr beweisen muss, ist ein respektvoller Umgang miteinander jedoch eher leichter als früher, als man im beruflichen Umfeld vielleicht auch einmal die Ellbogen ausfahren musste.

Liebe im Hinblick auf das Ende

Im Alter – beide Personen sind rund 80 Jahre alt – will man seine Zeit nicht mehr mit Banalitäten vertun. Ein Kontakt geht schnell in die Tiefe, wenn er Bestand haben soll. Doch ist es gar nicht so einfach, zwei ganz unterschiedlich gelebte Leben irgendwie auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Dies wurde in der Fragerunde deutlich. Diese Thematik kommt aber auch im Buch in verschiedenster Form vor. Thomas freut sich beispielsweise, dass er jetzt wieder sagen kann: „Es wartet jemand auf mich, und zwar nicht erst im Himmel!“ Celine dagegen erzählt Thomas, dass ihr Augenlicht ständig schwächer wird. Thomas wiegelt da vorerst ab, sieht das symbolisch, aber Celine macht ihm klar, dass es für sie ganz real ist, sie zum Glück aber auch Hilfsmittel kennt, um den Schwund etwas mildern zu können.

Nicht alleine sterben müssen

Peter Gross machte deutlich, dass er auf keinen Fall allein sterben möchte. So dachte er laut über sein Entsetzen darüber nach, wie einer seiner Bekannten, wegen Parkinson im Rollstuhl sitzend, ihm im Spital leise nachgewinkt habe, so quasi ein letzter Abschied, und wie leid ihm das getan habe. Im Alter sei es klar, dass die persönliche Lebensspanne begrenzt sei. Man sah dem Mann die Freude an, in Helga S. Giger jemanden gefunden zu haben, dem er nahe sein kann. Das Buchprojekt hat laut Helga S. Giger auch schwierige Zeiten gebracht, aber auch viele neue Einsichten. Und sicher haben da die Aussagen im Buch mit der persönlichen Lebenssituation der beiden gewisse Übereinstimmungen.

Edle Aufmachung

Die Bibliothek hat den Abend mit einem eleganten Flyer beworben, passend zur schönen Aufmachung des Buches aus dem Verlagshaus Schwellbrunn. Wer das 116-seitige Werk aufmerksam anschaut, wird auf dem Schutzumschlag sicherlich jene ominösen E-Mail-Ausdrucke erkennen, die die Tochter von Thomas nach dessen Tod entdeckt hat, umwickelt mit einem eleganten grünen Geschenkbändel, darauf ein wie absichtslos hingefallenes Gingkoblatt, welches auch im Buch eine Rolle spielt – Hoffnung für alle, deren Gedächtnis nicht mehr so ganz taufrisch ist. Die Sprache ist hochstehend, es gibt viele Bezüge zu Dichtern, Kunstwerken, Philosophen. Es ist eine Freude, das Buch in die Hand zu nehmen und darin zu lesen. Und seine Gedanken können noch lange weiter beschäftigen…

Apéro und anregende Gespräche

Nach der anregenden Lesung mit vielen vertiefenden Erläuterungen durch den Co-Autor und einem lauten Applaus des gutgelaunten Publikums lud das Bibliotheks-Team zu einem feinen Apéro mit Brötli und gehaltvollen Getränken ein. Peter Gross und Helga S. Giger waren begehrte Gesprächspartner, auch der Büchertisch – von der Buchhandlung GUTENBERG aus Gossau bestückt – fand Beachtung.

Das ganze Flawiler Bibliotheksteam – von links -Angelika Heer, Bibliotheksleiterin Karin Häfliger, Gabi Riss, Kathrin Mettler und ganz rechts Evelyne Lanter.

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