Die Nachtigall flötete in Oberbüren

1. Februar 2026 Aus Von Annelies Seelhofer-Brunner

Das zweite Konzert des Konzertzyklus Uzwil sprach vor allem Freunde und Freundinnen alter Barockmusik an. Vermutlich haben dennoch die Wenigsten je die Namen der auf dem Programmblatt aufgeführten Komponisten vorher gekannt. Unbekannt waren teilweise auch die Instrumente der Künstlerinnen. Gespannt wartete denn auch eine ansehnliche Anzahl Interessierter auf ein musikalisches Abenteuer. Die Kirche war noch adventlich geschmückt, was das Publikum bereits beim Eintreten festlich einstimmte.

Kammerorchester SäntisBarock

Der Konzertzyklus achtet immer auf einen regionalen Bezug der Musizierenden. Diesen Anspruch erfüllt auch das Kammerorchester SäntisBarock. Unter diesem Namen könnte man allerdings auch eine besondere Volksmusik-Formation vermuten. Gegründet hat es 2019 die Flötistin Madeleine Imbeck. Das Kammerorchester hat sich jedoch zur Aufgabe gemacht, Alte Musik – barocke und solche aus der Renaissance – auf Originalinstrumenten zu spielen. Das Ensemble geht dabei immer der Frage nach, wie Musik auf Menschen wirken, ja, wie es sie berühren, sogar beglücken kann. In vielen antiken Sagen forschten die Musikerinnen nach solchen Effekten.

Das Kammerorchester SäntisBarock

  • Madeleine Imbeck, Blockflöte und Leitung – auch bei der Organisiation der Konzerte auf dem Hemberg aktiv
  • Marianne Salmon, Theorbe
  • Barbara Litschig, Barockvioline
  • Asako Ito, Barockoboe
  • Layal Ramadan, Viola da Gamba
  • Anne d’Anterroches, Barockfagott
  • Mária Fülöp, Cembalo

Besondere Bedeutung der Nachtigall

Der Nachtigall werden verschiedene Bedeutungen zugeschrieben. Da sie gerne nachts singt, bringt man sie oft auch mit eher schwermütigen Harmonien in Zusammenhang. Interessanterweise singen nur die Männchen, und dies vor allem, solange sie noch kein Weibchen gefunden haben. Während der Brutpflege singen sie dann eher tagsüber, und dies in unzähligen Variationen. Die Nachtigall steht aber auch für die Liebe, ja Erotik, und für den (Frühlings-)Aufbruch. Der Gesang ist äusserst variantenreich mit unglaublichen 120–260 ganz unterschiedlichen Strophen.

Schon 1650 schrieb Athanasius Kircher: „In der Nachtigall hat die Natur mit Recht gleichsam die Idee der gesamten Musik sichtbar gemacht, so dass die Gesangsmeister bei ihr lernen können, wie man auf vollkommene Weise den Gesang ordnen und die Töne in der Kehle bilden muss. Die Nachtigall verwendet nicht weniger Ehrgeiz darauf, die Köstlichkeit ihres Gesangs den Zuhörern darzubieten, als der Pfau die Schönheit seines Schweifes. Sie ist nicht nur φιλόμουσος (musik- und kunstliebend), sondern auch φιλόδοξος (liebt Brillanz, Pracht, auch das Merkwürdige, Komische).“

Ungewöhnliche instrumentale Besetzung

Vereinspräsident Hanspeter Haltner hatte bereits in seiner Begrüssung auf die aussergewöhnlichen Instrumente hingewiesen. Vor allem den Begriff «Theorbe» habe der Vorstand zuerst nachlesen müssen.

Der Name stammt aus der griechischen Mythologie und steht für Frühling, Erneuerung der Natur und jugendliche Frische. Es ist DAS Bassinstrument aus der Zupfinstrumentenfamilie der Lauten, oft eher ohne grosse Aufmerksamkeit bedacht. Doch das Ensemble hat das für das Oberbüren-Konzert geändert und ihm einen prominenten Platz gegeben. Marianne Salmon ist laut Imbeck eine absolute Spezialistin auf diesem Instrument.

Es ist aber auch ein auffälliges Instrument. Von manchen etwas despektierlich «Giraffenlaute» genannt, hat das Instrument durchaus Ähnlichkeiten mit einem Giraffenhals. Damit man den Klang dieses Instruments auch einmal allein hören konnte, spielte die Künstlerin Marianne Salmon das Stück «La cloris» des berühmten Komponisten und Lautisten Robert de Visée – 1652-1730) – atemlos belauscht vom bereits verzauberten Publikum. «Cloris» oder auch «Chloris» ist in der griechischen Mythologie eine Nymphe, die mit «Frühling» und «Rose» in Verbindung gebracht wird. Ihr Pendant ist die römische Göttin Flora.

Höfisches Musikleben in Frankreich

Im Konzert wurden lauter französische Komponisten – leider keine Komponistinnen… – vorgestellt. Das Konzert begann mit einer Hochzeitsouvertüre, geschrieben von Jean Hotteterre, 1610-1692, einem Flötisten und Komponisten, welcher einem grossen Musikergeschlecht entstammte. Zur Zeit des Komponisten sass die Zuhörerschaft nicht einfach brav auf dem Stühlchen, sondern tanzte gerne dazu. Der König liess sich sogar beim Anziehen Musik vorspielen. Und so fühlte man sich auch beim Zuhören wie in einem Schloss. Moll-Passagen wechselten sich mit tänzerischen Höhenflügen ab – die Barockgeige, gespielt von Barbara Litschig, verzückte mit ihrem warmen, klaren Klang. Auch alle übrigen Barockinstrumente – Fagott, Oboe, Flöten, Viola da Gamba – trugen zu einem ganz besonderen Hörerlebnis bei.

Die doch teilweise älteren Instrumente mussten jedoch zwischen den gespielten Werken immer wieder nachgestimmt werden, vor allem die Viola da Gamba. In Spielpausen sah man auch immer wieder, wie Barockfagott-Spielerin Anne D’Anterroche das Mundstück mit dem Mund befeuchtete. Ihr Instrument war für die tiefen Töne zuständig, von der Musikerin virtuos gespielt.

Im Hintergrund war in fast jedem Stück das Cembalo zu hören, auch dies ein Saiteninstrument, wenn auch auf Tasten gespielt. Hier werden – anders als beim Piano – die Töne gezupft statt angeschlagen. Früher brauchte man dafür Kolkrabenfedern, heute sind diese aus Kunststoff. Die Cembalo-Akkorde, gespielt von Mària Fülöp, fügten sich perfekt in die Stimmung der barocken Instrumente ein und erweiterten die Klangfülle.

Erhellende Kommentare

Madeleine Imbeck gab zwischen den einzelnen Stücken Hinweise auf besondere Eigenheiten der einzelnen Instrumente. Die Musikerin kennt vor allem die Herstellung der Flöten aus dem FF, betätigt sie sich doch auch als Flötenbauerin. Sie erläuterte auch die Besonderheiten der Viola da Gamba, die – anders als das fast gleich aussehende Cello – zur Instrumentenfamilie der Lauten gehört. Das Instrument wird auch mit einem speziellen Bogen gespielt. Viele der in Oberbüren zu Gehör gebrachten Werke waren ursprünglich nur für zwei oder drei Instrumente komponiert worden. Das Kammerorchester hat sie auf die eigenen Bedürfnisse umgeschrieben.

Eva Maria Soler Boix, Sopranistin

Die Sängerin Eva Maria Soler Boix verzückte die Zuhörerschaft mit ihrer warmen Sopranstimme. Die Instrumentalistinnen begleiteten sie im Stück «arbres épais» von Michel P. de Monteclair – 1667-1737- auf einer Wanderung durch den Wald mit dicken Bäumen, hinter denen man die Tränen der Trauer verstecken könne, wie Madeleine Imbeck verriet. Dabei stieg die Barockgeigerin Barbara Litschig auf ihrer Barockvioline bis in höchste Höhen die Tonleiter hinauf.

Die Sopranistin ist in Spanien aufgewachsen, hat später in Basel Musik studiert und ist mit verschiedenen Formationen musikalisch unterwegs. Nicht nur ihre Modulation gefiel, auch ihr sehr elegantes Französisch. Der Komponist Jean-Beaptiste Bousset (1662-1725) hatte ein Lied über «meine Sorgen» – «De mes soupirs» – komponiert, eine tragische Liebesgeschichte. Man litt richtig mit, wie Eva Maria Soler Boix diese Geschichte singend erzählte, nur mit ihrer Stimme und Mimik, aber ganz ohne übertriebene Gestik. Im offiziellen Schlussstück – «Printemps – Rossignol amoureux» von Mr .Quignard aus dem 18. Jh., einem Lust auf Frühling machenden Lied – kam ihre Stimme nochmals so richtig zur Geltung. Hoffnung auf Frühling kam auf und hellte die vorher doch eher düstere Stimmung wieder auf. Woher die Sängerin wohl den Anfangston herhatte? Wie aus dem Nichts begann sie zu singen, die Flöte verstärkte die Frühlingsgefühle mit trillernden Passagen, auch die Violine fiel in den hoffnungsvollen Tonfall ein. Und fast wie zufällig füllte das Cembalo feinfühlig die Akkorde.

Dank

Das begeistere Publikum bedankte sich nach dem letzten verklungenen Ton für diese genussvolle Musikstunde mit einer «Standing Ovation». Das Ensemble liess deshalb nochmals eine Nachtigall singen – doch das Publikum hatte noch immer nicht genug. Madeleine Imbeck musste erklären, dass das Repertoire nun erschöpft sei. Doch zu einer kurzen Wiederholung eines Teils aus dem letzten Stück griffen die Musikerinnen ein letztes Mal zu ihren Instrumenten. Auf den Gesichtern der berührten Konzertbesucherinnen und Besucher war beim Hinausgehen ein ganz besonderer Glanz zu sehen.

Auf Uzwil24 kann ebenfalls ein Artikel zu diesem Konzert nachgelesen werden.