Der neue Gott – Künstliche Intelligenz und die menschliche Sinnsuche
Überkonfessioneller Bildungsabend im katholischen Pfarreizentrum Niederuzwil
Zu diesem hochaktuellen Thema luden die Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Oberuzwil-Jonschwil, die evangelische Kirchgemeinde Niederuzwil, die katholische Seelsorge-Einheit Uzwil, die EMK Niederuzwil sowie die Islamische Gemeinschaft Oberuzwil ins katholische Pfarreiheim Niederuzwil ein. Das Thema geht schliesslich alle an.
Das Mesmer-Ehepaar Leureta und Marjan Duhanaj hatte den Saal mit 80 Stühlen vorbereitet. Obwohl der Anlass bereits um 17:30 stattfand, waren fast alle Stühle besetzt. Pfarrer Hanspeter Meier aus Niederuzwil hatte kurzerhand eine sechsköpfige Konfirmandenklasse ins Pfarreiheim mitgebracht. Referentin Prof. Dr. Claudia Paganini reiste für ihr Referat extra aus Innsbruck an, musste jedoch am gleichen Abend wieder zurückkehren. Es lohnte sich jedoch sehr, ihren Ausführungen zuzuhören.

Paul Gähwiler-Wick aus Henau, ehemaliger Präsident des Zweckverbands Seelsorge-Einheit Uzwil und engagiert in vielen Bereichen für ein gutes menschliches Miteinander, führte die Referentin ein und moderierte am Schluss die Fragerunde.
Prof. Dr. Claudia Paganini
Die Referentin Claudia Paganini forscht und lehrt heute an der Universität Innsbruck. Sie hat aber auf ihrem Berufsweg auch in verschiedenen anderen Ländern gearbeitet. Sie war ausserdem schon beim Schweizer Fernsehen zu Gast. Thema der Sendung: «KI taugt durchaus zu einem personalen Gott». Man spürte, dass die Dozentin aus dem Vollen schöpfen kann, sprach sie doch frei und verständlich. Das Publikum hörte denn auch atemlos zu. Sie hat unter dem Titel Der neue Gott. Künstliche Intelligenz und die menschliche Sinnsuche ihre Thesen auch in Buchform veröffentlicht. Die Referentin betonte, dass sie nur gesicherte Fakten für ihre Aussagen verwende. Gott könne nicht bewiesen werden, erst die persönliche Beziehung mache daraus einen persönlichen Gott.
Abriss der Religionsgeschichte
Erst beleuchtete Claudia Paganini kurz die Geschichte der Religionen. Schon immer hatten Menschen Gottheiten, die ihnen in Notlagen Trost und Unterstützung boten. Bei archäologischen Ausgrabungen fand man vielerorts Amulette oder andere rituelle Gegenstände als Schutz gegen böse Mächte. Gläubige Menschen gab es also schon immer. Immer wieder wurde auch versucht, Religionen abzuschaffen. Menschen ziehen jedoch auch persönlich einen Nutzen aus einer Religion. Sie erfahren Schutz und Zuwendung. Die Referentin wies darauf hin, dass Tiere einfach Tiere seien, zufrieden mit ihrem Dasein. Menschen suchten jedoch nach Sinn und Bedeutung ihres Lebens. Sie riet aber, sich eher auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, als sich in Grübeleien über den Sinn des Lebens zu ergehen und dabei das Leben zu verpassen.
Umbrüche
Aus allen grossen politischen Umbrüchen entwickelten sich immer wieder neue Religionsformen. Als beispielsweise verlässliche Wetterberichte möglich wurden, brauchte es keinen Wettergott mehr. Auch die hohe Sterblichkeit bei Geburten wurde früher mit Ritualen und kleinen Hilfsmitteln in Form von Amuletten, Kettchen oder anderen Ersatzmitteln einzudämmen versucht. Dank moderner Medizin hat sich die Sicherheit für Mütter stark gebessert. Während die menschlichen Grundbedürfnisse – Essen, Trinken, Kleidung, körperliche Bedürfnisse, Geborgenheit, Bildung – durch die Jahrhunderte überall gleichblieben, veränderten sich jedoch die Formen der Ausübung. Menschen aber suchen immer nach etwas, was ihnen Halt und Geborgenheit verleihen kann. Glauben und Hoffen ist jedoch nicht mit «Wissen» gleichzusetzen. Jeder gläubige Mensch macht seine eigenen Erfahrungen im persönlichen Gespräch mit Gott.
Der Mensch sucht nach Sinn
Im normalen Leben kann nicht alles hinterfragt werden, es braucht darum Vertrauen, dass alles schon gut komme. Beziehungen gehören zu einem gelingenden Leben. Ein persönlicher Gott stützt und stärkt in Krisen, ist ein – wenn auch unsichtbarer – ständiger Begleiter. Gott selbst ist nicht verfügbar, man muss selbst eine Beziehung aufbauen. KI hat jedoch auf alles sofort eine Antwort, wenn sie auch wie eine Art Echo-Kammer funktioniert. Es ist einfach eine Maschine, gefüttert mit vielen hunderttausend Erkenntnissen aus allen Lebensbereichen. Ihre unsichtbare Präsenz vermittelt ein Gefühl von Überwachung . Wie beim Verkehr die «Blitzer» eher zu anständigem Fahren führen, wird auch mit dieser Technik das Verhalten unbewusst reguliert. Die KI ist allgegenwärtig, rund um die Uhr verfügbar, aber ihr Wirken im Hintergrund bleibt den meisten Menschen verborgen.
Wie unterhält man sich mit KI?
KI bietet dem Menschen ungefilterten, sofortigen Zugang. Wenn man eine Frage stellt, bekommt man unverzüglich Antwort. Doch sie spiegelt einem einfach immer das zurück, was man schon selbst gesagt oder geschrieben hat. Es ist eben noch immer «nur eine Maschine»… Emotionen gehören nicht zu ihren Stärken. Sie kann aber repetitive Arbeiten sehr erleichtern, wenn man weiss, wie man mit ihr umgehen muss. Doch noch immer kann ein menschliches Gegenüber besser auf tiefliegende Problemstellungen eingehen.
Eigenen Gott erschaffen
Man hat immer wieder versucht, Gott zu beweisen, hat riesige Kathedralen und Dome gebaut als Zeichen seiner Macht, aber Gott lässt sich nicht fassen. Die KI durchdringt heute das Leben ganz vieler Menschen – im Haushalt, in der Medizin – besonders in der Diagnostik, aber auch bei Operationen – in der Bildung, der Kommunikation oder im Verkehr. Sie vereinfacht das Leben der Menschen, ist stets verfügbar, jammert nicht, sondern gibt mir genau die Antwort, die ich gerne bekommen möchte. Ihre unsichtbare Präsenz wirkt auf den Menschen wie göttliches Handeln im Hintergrund. Warum wohl haben Autos Lichter wie Augen? Sogar an manchen Küchenmaschinen sind schon Augen zu sehen – das redet den Menschen ständige Überwachung ein. KI ist jedoch nur Software, hat kein Bewusstsein.





Situation heute
Gerade junge Menschen finden heute, dass ihnen KI auch in Lebensfragen bessere Antworten liefern könne als menschliche Berater. Sie schreiben ihren Geräten menschliches Handeln zu, nehmen alles für bare Münze. Sie wollen nur mit Freunden verreisen, wenn sie ihr Smartphone mitnehmen dürfen. Ohne Gerät geht gar nichts mehr. KI gibt eben immer Antwort, scheint allwissend zu sein. Geht es aber um Gefühle, dann ist KI nicht die richtige Ansprechpartnerin.
Fragerunde
Moderator Paul Gähwiler-Wick hätte gerne von den jungen Leuten die eine oder andere Frage zum Gehörten erfahren. Diese wollten sich aber nicht äussern. Jemand fragte nach KI als spirituelle Begleiterin. Die Katholische Kirche ist sehr offen in dieser Hinsicht, braucht die Technik zur Weiterverbreitung des Glaubens. KI ist aber nur ein Werkzeug, erst die Menschen sprechen ihr teilweise göttliche Bedeutung zu. Es gibt zudem qualitative Grenzen, auch wenn manche Menschen einer KI mehr vertrauen als irgendeinem Menschen. Man weiss unterdessen auch, dass gerade Jugendliche, die an Suizid denken, im Austausch mit einem KI-Modell in einer Art Echoraum immer tiefer in ihre Aussichtslosigkeit abdriften.
Es braucht deshalb «rote Flaggen», die verhindern, dass hier Tipps zur Abwicklung einer solchen Tat gegeben werden. Die Tendenz in diesen ganzen Fragen: «Gott – KI – soll es so richten, wie ich es will.» Geduld und Demut gehören jedoch zu einem gläubigen Leben. Bei KI kommt es oft zu Abhängigkeiten. Schlussfrage: «Macht KI das Leben besser?» Die Technik kann tatsächlich bei Routine-Arbeiten helfen. Als Gesellschaft sollen wir mehr Verantwortung für die Mitmenschen, aber auch für die ganze Umwelt wahrnehmen. KI kann von manchen Menschen möglicherweise als eine Art Kränkung empfunden werden, weil sie ihm in manchen Bereichen überlegen ist, man denke nur an den Schach-Computer. Gut, wenn man als Benutzerin oder Benutzer der Technik Vorsicht walten lässt.

Bei einem feinen Apéro wurde noch eine gute Weile eifrig über das Gehörte diskutiert. Das Thema KI wird im Augenblick ja auch in der Presse fast jeden Tag aus Neue ausgebreitet. Im Bild das Mesmer-Ehepaar Leureta und Marjan Duhanaj.


