«Paarcours d’amour» – eine Reise durch das unerschöpfliche Thema «Liebe»
Da musste ja wirklich etwas los sein im evangelischen Kirchgemeindehaus Oberuzwil! Kurz vor halb acht abends stand bereits eine Menschenschlange bis fast zur Wilerstrasse hin vor der Eingangstüre. Schon der Parkplatz hatte keine einzige Lücke mehr aufgewiesen. Als sich die Türe öffnete, stach sofort ein Schildchen ins Auge. «Ausverkauft!» hiess es da. Ohne Anmeldung war kein Einlass mehr zu bekommen. Kein Wunder, denn Schreiber und Schneider, eines der berühmtesten Ehepaare der Schweiz – ohne sich stark in der Prominentenwelt zu tummeln – hatte in Oberuzwil seinen Auftritt. Dazu hatte die «Donnerstags-Gesellschaft Oberuzwil» eingeladen. «Paarcours d’amour» versprach allerlei Zündstoff…
Vorfreude

In ihrer kurzen Begrüssungsrede griff Marlies Gemperle Gerber – Patin dieses Auftritts – auf ein Zitat von Caroline Rasser aus der berühmten Basler Rasser-Familie zurück. Diese hatte geschrieben: «Die beiden sind manchmal Drama, meist Komödie – aber immer großes Theater.»
Das erhoffte sich auch das Publikum. Vermutlich kannten ja die meisten Anwesenden das Paar ja aus deren wöchentlichen Kolumne in der COOP-Zeitung. Marlies Gemperle zeigte sich total begeistert über das grossartige Publikumsinteresse.
Sparsames Bühnenbild
Auch wenn das Paar mit seinem Auftritt eine «Bühne» betrat, sah man vor Beginn der Vorstellung davon kaum etwas. Ein Tisch, ein Krug Wasser, zwei Gläser, aber immerhin ein Tischtuch. Doch kaum traten die Zwei auf, füllte sich die Bühne mit Leben. Kein Wunder, wollten das so viele Menschen erleben. Michael „Michi“ Forrer, umsichtiger Mesmer der evangelischen Kirchgemeinde, fand beinahe nicht genug Stühle für alle Interessierten. Bis in die hinterste Ecke füllte sich der Saal. Selbst erstaunlich viele Männer wollten sich diesen Abend nicht entgehen lassen, obwohl sich das Thema bei «Schreiber vs. Schneider» meistens ja vorwiegend um Befindlichkeiten dreht.
Forrer war auch während des Programms ein gefragter Mann, denn das Mikrofon von Sybil Schreiber schien mit ihrem Temperament nicht kompatibel zu sein. Immer wieder gab es Aussetzer, bis ein Handmikrofon dem Spuk ein Ende machte.

Wie findet man sich?
So erzählte Steven Schneider – man muss immer aufpassen, die beiden Nachnahmen nicht zu verwechseln! – von den Anfängen ihrer Beziehung. Wie ihn die junge Frau faszinierte, welche aus ihrer Begeisterung für die Schweiz kein Hehl machte. Vor allem die vier Landessprachen hatten es ihr angetan. Und so nahm sie sich sofort vor, alle vier Landessprachen zu lernen, obwohl das selbst die wenigsten Bundesräte so weit brächten. Schmunzelnd hörte das Publikum zu, wie Schneider seine Eroberung dieser wunderbaren Frau schilderte. Seine Französisch-Büchergeschenke kamen allerdings kaum zum Einsatz, dienten vor allem der Staffage, denn sie hatte ja ihr Ziel bereits erreicht – ihn beeindruckt.


Manche Worte wiegen schwer
Allerdings vergriff sich Schneider manchmal – absichtlich! – zünftig in seiner Wortwahl. Da meinte er zum Beispiel: «Damals war ich noch aufmerksam.» Das war seiner Frau natürlich nicht entgangen. Sie wollte nun genau wissen, was es mit diesem «damals» auf sich habe. Anstatt eingehend auf diese Beschwerde einzugehen, machte Schneider eine Saal-Umfrage. «Welcher Mann ist heute noch genau so aufmerksam in der Beziehung zu seiner Frau wie in der Phase der ersten Verliebtheit?» Ein einziger mutiger Mann meldete sich. Da wollte Schneider natürlich sofort mehr wissen. Auch über Tics wurde gesprochen. Was anfänglich vielleicht herzig, liebenswert und ganz besonders war, kann schliesslich im Laufe der Jahre ja zu einem Ärgernis werden. Während er weiss, dass «Liebe zu Beginn eben blind macht», überlegt sie irgendwann: «Das wächst sich aus, mit gütiger Mithilfe meinerseits.»
Unterschiedliche Persönlichkeiten
Steven Jay Schneider zelebriert seine italienischen Wurzeln gern. Da ist Freude an gutem Essen zu spüren, manchmal gebremst durch seine Liebste. Sybil Schreiber ihrerseits hat genau den richtigen Namen. Denn sie pocht auf präzise Ausdrucksweise, was sich auch in ihren Kolumnen widerspiegelt. Allerdings bietet ihr da ihr Mann gerne Paroli, zeigt der «deutschen Eiche» auch mal, welche Ausdrücke man hierzulande braucht. Sie mag es, sofort zur Sache zu kommen – er wählt lieber den diplomatischen Weg. Da sind Konflikte bereits vorprogrammiert. Eine Ehe ist ja auch eine Art Fusion. Zwei unterschiedliche Gedankenwelten mit ganz unterschiedlicher Herkunftsgeschichte sollen plötzlich als eine Art Einheit funktionieren. Und wenn sie ihm wieder einmal sagt: «Ich liebe dich so!», heisst sein Rat an die Männer im Saal: «Am besten sagst du «Dito», sonst gibt es wieder grosse Diskussionen.»
Humorvolle Therapiestunde
Die häuslichen Vorgänge in der Familie gaben viel zu lachen. Etwa die Szenen im Schlafzimmer, in welchen Schneider äusserst gestenreich illustrierte, wie ihn seine Frau nach dem Lichterlöschen – für ihn eine wunderbare Zeit der Innerlichkeit vor dem Schlafen – oft mit der Frage: «Was denkst du?» aus seinen schönsten Innenbildern reisse. Und wer kennt nicht die Frage: «Wer hat das letzte Stück WC-Papier gebraucht, aber nicht daran gedacht, eine neue Rolle hinzuhängen?» In Gedanken begleitete man beim Zuhören diesen Mann, welcher – wohlgemerkt, mit heruntergelassener Hose – durch das ganze Haus samt Gartenhäuschen streifte, um endlich fündig zu werden. Allein diese Szene war bereits grosses Theater!
Abendritual
Das Ritual vor dem Schlafengehen, welches Sybil Schreiber offenbar eisern durchzieht, rief grosses Gelächter hervor. Dabei schweiften die Gedanken wieder ab. Er findet, ihre Salbe stinke, sie aber kontert: «Das mache ich auch für dich.» Auch das gemeinsame Autofahren ist nicht ohne. Ist er am Steuer, ist sie seine engmaschige Betreuerin, sitzt sie am Ruder, macht er ihr dauernd Vorschläge. Er mag eine regennasse Frontscheibe, sie nervt sich schon an den ersten Tropfen… Wer kennt solche Szenen nicht!
Thema Kinder
Unterdessen sind die Kinder der beiden aus dem Haus. «Kinder sind dazu da, den Horizont zu erweitern.», findet Schneider. Wenn diese plötzlich zu Vegetariern werden, gibt das neue Herausforderungen. Auch wenn sie statt «brüele» plötzlich «weine» sagen, und dies im Dialekt! Unglaublich! Seine Frau findet pflanzliche Mortadella wunderbar, in ihm sträuben sich dagegen alle Haare. Als Mann italienischer Abstammung weiss er schliesslich, wie eine solche Dauerwurst zu schmecken hat. Dass allerdings Weisswürste in Deutschland als Gemüse gelten, scheint nicht nur ein Gerücht zu sein. «Klar, hat doch Schnittlauch drin!», meint Schneider.
Subtile Hinweise
Schneider liebt es, seine Frau auszuführen. Wenn sie dann schon im Auto sagt, dass sie nur «ein Salötli» nehme, hofft sie, dass er heraushört, dass er sein Cordon Bleu, von welchem er seit Tagen träumt, vergessen soll, dies mit einem unmissverständlichen Blick hin zu seiner Leibesmitte. Und – man ahnt es bereits – nach nervenaufreibendem Studium der Speisekarte durch Frau Schreiber bleibt ihm schliesslich nichts anderes übrig, als sich den Wünschen seiner Frau zu beugen, die damit genau ihre zwei Lieblingsgerichte bekommt, während er schliesslich mit dem «Salötli» vorliebnehmen muss. Auch als sie ein Bild eines 85jährigen Bekannten mit seiner sehr gepflegten Frau anschauen – an jedem Finger ein riesiger Ring – , fragt sie ihren Mann: «Wozu habe wohl ich 10 Finger?» Auch hier kommt die Antwort prompt: «Du bist ja auch noch nicht 85 Jahre alt!» Nach dem Rezept dieses Mannes für eine glückliche langjährige Beziehung gefragt, meinte dieser»: «Spätestens nach dem Auszug der Kinder muss ein zweiter Fernseher her!»
Besuch einer Schule
Zu Herzen gehend war der kleine – imaginäre – Ausflug in eine dritte Klasse der Volksschule. Sie fragten diese neunjährigen Kinder : «Was bedeutet für euch Liebe?» Ein Kind stellte sich einen kahlen Baum vor, an welchem im Laufe der Jahre immer mehr Blätter wachsen würden. «Besonders eindrücklich beschrieb es ein anderes Kind. «Liebe zeigt sich dann, wenn die Oma am Küchentisch sitzt, der Opa zur Türe hereinkommt, sich zu ihr setzt und ihre Hände in seine nimmt.»
Europa-Park als Familien-Event
Am Schluss durfte das begeisterte Publikum noch einen Ausflug in den Europa-Park geniessen. Lange Jahre war das Schneider und den beiden Töchtern vorbehalten gewesen. Doch irgendwann hatte sich auch die Mama durchgerungen, da mal hinzugehen. Ihm hat es die Wahnsinnsbahn «Blue Fire» angetan, doch Schreiber konnte die Fahrt nicht geniessen. Ihre Brille machte einen Abflug, sie fragte sich: «Kann es tatsächlich sein, dass das Herz in die Hose rutschen kann?»
Mit riesigem Applaus und viel Gelächter liess das Publikum die zwei Persönlichkeiten von der Bühne abgehen. Sie hatten dem Oberuzwiler Publikum gezeigt, dass man mit Humor viele Klippen im Alltag umschiffen kann. Wer mochte, konnte danach im Foyer noch Bücher der beiden erwerben, auf Wunsch auch mit Widmung. Diese Lesung war die Dernière unter dem Titel «Paarcours d’amour». Im Herbst 2026 folgt ein neues Programm namens «Schatz»…



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